Veganz:Ein Vegan-Pionier will groß raus

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Nur noch drei Filialen betreibt Veganz in Deutschland, alle in Berlin.

(Foto: Jürgen Ritter/Imago Images)

Vegane Lebensmittel liegen voll im Trend. Die Marke Veganz will das nutzen und jetzt schnell an die Börse. Dennoch scheint da etwas nicht zu stimmen.

Von Michael Kläsgen

Der Börsengang von Veganz wirkt wie die logische Konsequenz einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung. Immer mehr Menschen ernähren sich vegan. Und auch die Produktion vegetarischer und veganer Fleischersatzprodukte steigt in Deutschland rasant an. Das Statistische Bundesamt bezifferte den Anstieg 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf 39 Prozent. In etwa dem gleichen Maße wuchs auch der Wert der hierzulande gefertigten vegetarischen und veganen Produkte.

Nun könnte man einwenden, dass dieser Wert gerade mal bei 375 Millionen Euro lag - im Vergleich zu den 39 Milliarden Euro, die die in Deutschland hergestellten Fleischprodukte wert sein sollen. Aber es geht eben auch um den Trend. Und da sieht man: Vegan nimmt stark zu, Fleisch ab.

Spricht man etwa mit Moritz Möller, Vorstand für Marketing und Produkt der Veganz Group, dann wird schnell klar, dass es einerseits diese sich breitflächig verändernden Einkaufsgewohnheiten sind, die die Veganz Group an die Börse treibt. Andererseits ist alles jedoch noch sehr unkonkret. Weder gibt es einen Börsenprospekt, noch einen konkreten Termin, geschweige denn eine Zeichnungsfrist oder Handelsspanne. Warum geht die Lebensmittelmarke dann jetzt mit den seit langem bekannten Börsenplänen in die breite Öffentlichkeit. "Wir sind bereit!", sagt Möller. Das sei die Botschaft.

Es scheint jetzt alles möglichst schnell gehen zu müssen. Noch im Sommer war von einem Börsengang in den nächsten zwölf Monaten die Rede. Veganz hätte also noch gut bis ins nächste Jahr Zeit gehabt, um im Plan zu bleiben. Ob jetzt alles vorgezogen werde, weil sich die Großwetterlage an den Finanzmärkten zuungunsten von Börsengängen entwickeln könnte? Genau auf diese externen Faktoren habe man eben keinen Einfluss, erklärt Möller.

Lieber Frankfurt als München

Kurzum: Es kann auch sein, dass der Börsengang, für den sich Veganz nun bereit fühlt, bald wieder abgeblasen wird. Für die börseninteressierten Kunden von Veganz oder generell die Anhänger eines enkeltauglichen Lebensstils spielt das aber ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Zwar plant Veganz, irgendwann auch für die Allgemeinheit Aktien auszugeben. In einem ersten Schritt ist der Börsengang aber nur für institutionelle Investoren gedacht - falls sich genug finden.

Zu dem Zweck ist das Unternehmen, sagen Beobachter, vom ursprünglich anvisierten Börsenplatz München abgerückt und strebt nun ein Listing an der Frankfurter Börse in einem Segment für kleinere Firmen an - man darf darauf tippen, dass hier größere Investorengruppen angesprochen werden können. Gelänge der Börsengang, der 50 Millionen Euro einspielen soll, hätte das wahrscheinlich zunächst einmal vor allem positive Auswirkungen für die bestehenden Anteilseigner.

Zuvorderst ist da Jan Bredack zu nennen, der Veganz 2011 gründete, noch heute Chef ist und 26 Prozent der Anteile hält. Nach dem Ausscheiden der Edeka-Gruppe als viertgrößter und stiller Gesellschafter hatte Veganz im Juli neue Geldgeber gefunden: etwa den Investmentfonds Paladin One, die Develey Holding sowie mehrere Privatinvestoren, darunter Marcel Maschmeyer.

Ganz ohne Risiko ist das Investment nicht. In den ersten sechs Monaten des Jahres setzte Veganz 17,2 Millionen Euro um und schrieb im operativen Geschäft (Ebitda) einen Verlust von 1,2 Millionen Euro. Trotz des Vegan-Booms ist das Geschäft damit keine Goldgrube. Im Corona-Jahr 2020 hatte sich der Jahresfehlbetrag auf knapp fünf Millionen Euro summiert.

Und auch, wenn man erst einmal an der Börse ist, muss es nicht immer bergauf gehen. Oatly, der seit Frühjahr diesen Jahres in den USA gelistete schwedische Hersteller von veganen Lebensmitteln und Getränken, hat das inzwischen zu spüren bekommen, die Aktie verlor seit Juni mehr als 30 Prozent.

Hinzu kommt, dass Veganz auf dem Kapitalmarkt bisher kein Selbstläufer war. Anfang 2020 wollte die Firma ihr Kapital über eine Anleihe erhöhen. Doch das gezeichnete Volumen lag am Ende nur bei 2,7 Millionen Euro statt der erhofften zehn Millionen Euro. Bemerkenswert daran war, dass mit mehr als 600 Zeichnern ungewöhnlich viele Privatanleger ihr Geld zu geben bereit waren. Das deutet vielleicht darauf hin, dass auch sie bereit sind, so wie der Vorstand.

In dem ohnehin bewegten Leben von Gründer Bredack wird es in den nächsten Wochen also nicht langweiliger werden. Der ehemalige Daimler-Manager hatte nach einem Burn-out Veganz eigentlich als vegane Supermarktkette lancieren wollen. Das Vorhaben endete jedoch nach der Pleite. Heute gibt es noch drei Filialen in Berlin, dafür aber einen offenbar munteren Großhandel mit etwa 120 Eigenmarken-Produkten. Mit denen beliefert Veganz nach eigenen Angaben europaweit 22 000 Supermärkte, Discounter und Drogerien sowie Onlineshops. In Deutschland sind so gut wie alle großen Anbieter dabei.

Ob das am Ende für die große Börsen-Story reicht? In etwa vier Wochen wird man's wissen. Bis dahin läuft die Frist, bis zu der sich Investoren gemeldet haben müssen.

© SZ
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