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Ungleichheit:Die reichsten Amerikaner zahlen kaum Steuern

Solange Manager wie Elon Musk, Jeff Bezos und Warren Buffett (v.l.) ihre Immobilien oder Firmenanteile nicht verkaufen, wird auf die Zuwächse auch keine Einkommensteuer fällig.

(Foto: Getty/AFP/AP)

Je leistungsfähiger man ist, desto mehr sollte man zur Finanzierung des Allgemeinwohls beitragen, so die Idee. Nicht so in den USA: Ausgerechnet für die Reichsten gilt die Regel dort nicht, zeigt eine Recherche.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

Wer in den USA kräftig verdient, wird vom Finanzamt mit dem Spitzensteuersatz von 37 Prozent belegt - es sei denn, man heißt Jeff Bezos, Warren Buffett oder Elon Musk. Viele Milliardäre des Landes nämlich kommen nach einem Bericht des gemeinnützigen Nachrichtendienstes Pro Publica sehr viel günstiger davon, manche zahlen dank vieler Schlupflöcher in einzelnen Jahren überhaupt keine Steuern. Das ergibt sich aus Tausenden Seiten an Steuerunterlagen, die Pro Publica nach eigenen Angaben zugespielt wurden. Ob die Unterlagen echt sind, ließ sich zunächst nicht überprüfen, das über Stiftungen finanzierte Medienhaus hat in dieser Hinsicht aber einen guten Ruf.

In dem am Dienstagnachmittag veröffentlichten Bericht vergleicht Pro Publica das Vermögen reicher Amerikaner mit ihren Steuerzahlungen und errechnet daraus einen sogenannten "wahren Steuersatz". Die Rechercheure räumen in dem Artikel ein, dass diese Vorgehensweise nicht ganz sauber ist, denn Einkommensteuer wird nicht auf den Vermögenszuwachs erhoben, sondern auf den jährlichen Verdienst. Anders gesagt: Solange Manager wie Bezos, Buffett und Musk ihre Immobilien oder ihre Anteile an Unternehmen, die sie auf dem Papier Jahr für Jahr in Milliardenschritten reicher machen, nicht verkaufen, wird auf die Zuwächse auch keine Einkommensteuer fällig.

Rein steuersystematisch gesehen gibt es also gar keinen Zusammenhang zwischen dem Zuwachs an Vermögen und den Zahlungen an die US-Finanzbehörde IRS. Und dennoch dürfte es das Gerechtigkeitsempfinden vieler Bürger stören, wenn sie sehen, dass viele Milliardäre selbst in Krisenzeiten immer reicher werden und dennoch vergleichsweise wenig zur Finanzierung des Allgemeinwohls beitragen.

Der "wahre Steuersatz" von Warren Buffett liegt laut Recherche etwa bei 0,1 Prozent

Das Vermögen des Finanzinvestors Buffett etwa erhöhte sich laut Bericht zwischen 2014 und 2018 um 24,3 Milliarden Dollar. Sein Einkommen in diesem Zeitraum summierte sich dagegen auf "nur" 125 Millionen Dollar, von denen er 23,7 Millionen an den IRS abführen musste. Setzt man diese knapp 24 Millionen nun ins Verhältnis zum Vermögenszuwachs von gut 24 Milliarden Dollar, ergibt sich ein "wahrer Steuersatz" von 0,1 Prozent. Ähnlich sieht es bei Amazon-Chef Bezos aus, der in jenen fünf Jahren um 99 Milliarden Dollar reicher wurde, zugleich aber nur 973 Millionen Dollar an Bundessteuern zahlte. Der "wahre Steuersatz" lag also bei 0,98 Prozent. Michael Bloomberg, Gründer der gleichnamigen Nachrichtenagentur und ehemaliger New Yorker Bürgermeister, kommt nach dieser Rechnung auf eine Quote von 1,3 Prozent, Tesla-Chef Musk auf 3,3 Prozent.

Laut Bericht stieg das kumulierte Vermögen der 25 reichsten Amerikaner von 2014 bis 2018 um sagenhafte 401 Milliarden Dollar an. Nur 3,4 Prozent dieser Summe floss an den IRS, insgesamt 13,6 Milliarden Dollar. "Alles zusammen genommen zerstört das den wichtigsten Mythos des amerikanischen Steuersystems: dass jeder seinen fairen Anteil entrichtet und die reichsten Amerikaner am meisten zahlen", so das Resümee von Pro Publica.

Der Nachrichtendienst kündigte an, die Unterlagen in den kommenden Monaten weiter auszuwerten. Ziel sei es zu dokumentieren, wie sich Reiche um Steuerzahlungen herumdrückten, welche Schlupflöcher sie im Einzelnen nutzten - und warum sie ein ums andere Mal damit durchkommen.

© SZ
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