Umweltschutz Warum Essensverpackungen große Probleme machen

Lebensmittel-Boxen aus Styropor sind bei Restaurants und Imbissen beliebt, weil sie günstig und leicht sind und dabei noch das Essen warmhalten. Für die Umwelt sind die Behältnisse hingegen weniger gut.

(Foto: mauritius images)
  • Unterhändler des Europäischen Parlaments und der EU-Staaten haben sich auf ein Verbot von Wegwerfprodukten aus Einweg-Plastik verständigt.
  • Viele Imbiss- und Restaurantbesitzer stehen nun vor einem Problem.
Von Vivien Timmler

Das Problem ist weiß und besteht aus Millionen kleiner Kügelchen. Zusammengeschmolzen werden sie zu Styropor und finden als To-Go-Verpackung jeden Abend den Weg in Abertausende Haushalte in Deutschland.

Auch Vinh Pham benutzt diese Verpackungen. Er betreibt ein kleines vietnamesisches Restaurant an einer viel befahrenen Straße im Münchner Osten, seinen echten Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Wer bei ihm zu Mittag isst, wie es an diesem Tag Dutzende Menschen tun, bemerkt die Styropor-Kartons nicht, die sich in der Küche in drei Türmen bis zur Decke stapeln.

"Es war mit Abstand die günstigste Alternative"

Wer hingegen ein To-Go-Menü bestellt oder liefern lässt, kommt nicht um sie herum. "Es war mit Abstand die günstigste Alternative", antwortet Pham auf die Frage, warum er Styropor-Kartons verwende. Der Preisunterschied zu umweltfreundlicheren Alternativen beträgt zwar oft nur wenige Cent. Bei mehreren Hundert Kartons, die er jede Woche brauche, stelle ihn das trotzdem vor ein Problem, sagt er.

Geht es nach der EU, soll damit künftig Schluss sein. Unterhändler des Europäischen Parlaments und der EU-Staaten haben sich am Mittwoch auf ein Verbot von Wegwerfprodukten aus Einweg-Plastik geeinigt. Darunter fallen Strohhalme, Plastikwattestäbchen oder Stäbe von Luftballons, aber eben auch Lebensmittel- und Getränkebehältnisse aus Styropor. Sie sollen binnen zwei Jahren aus dem Alltag der Europäer verschwinden. Voraussetzung für ein solches Verbot ist lediglich, dass ohne Weiteres erschwingliche Alternativen zu den jeweiligen Produkten zur Verfügung stehen.

Viele Imbiss- und Restaurantbesitzer stehen nun vor einer Herausforderung. Denn der Kunststoff, den Experten "expandiertes Polystyrol" nennen, gehört zu den am meisten verwendeten Verpackungsmaterialien in Deutschland.

Und das, obwohl er für die Umwelt alles andere als verträglich ist: Für seine Herstellung werden viele Liter Erdöl benötigt, er ist biologisch nicht abbaubar und macht auch im Recycling große Probleme. Firmen schätzen ihn trotzdem, denn er ist billig, leicht und gleichzeitig stabil. Hinzu kommt, dass er den Inhalt wahlweise warm oder kalt hält. Viele Restaurants und Imbisse liefern deshalb ihr Essen in solchen Behältern aus.

In die Natur gelangen Styropor-Behälter als Ganzes nur selten. Das Problem liegt aber im Grundstoff, den kleinen Granulat-Kügelchen. Die werden bei der Herstellung der Produkte verklebt, sie verschmelzen aber nicht völlig miteinander und können sich deshalb auch vergleichsweise leicht voneinander lösen. Diese Kügelchen gelangen dann in die Umwelt und landen über Flüsse in die Weltmeere, wo sie sich nie vollständig zersetzen.

Probleme beim Recycling

Auch in Recycling-Anlagen führt das zerkleinerte Styropor zu großen Problemen. "Die Kügelchen reiben sich überall ab, kleben dann an anderen Materialien und sind in der Sortierung kaum noch von anderen Kunststoffen zu trennen", sagt Carolina Schweig. Die Ingenieurin berät Firmen bei der Suche nach fortschrittlichen Verpackungslösungen und hält geschäumtes Polystyrol für eine der schlechtesten Alternativen.

Erst kürzlich habe sie in einer Entsorgungsanlage beobachtet, in welchem Ausmaß die Styropor-Kügelchen ein effizientes Recycling verhindern. "Wenn wir die einzelnen Stoffe nicht auseinander bekommen, werden wir uns immer wieder die Stoffströme kaputt machen." Den Vorstoß der EU findet Schweig daher richtig. Allerdings gebe es auch mit dem Verbot zu viele Einweg-Verpackungen im Umlauf - ein Problem, das sie vor allem auf die Zunahme an großen Lieferdiensten zurückführt.

Die haben das Problem mit Styropor-Verpackungen mittlerweile erkannt. So will etwa der britische Lieferdienst Deliveroo, der hierzulande in Berlin, München, Köln, Hamburg und Frankfurt Essen ausliefert, bis Ende des Jahres allen Restaurantpartnern kunststofffreie Verpackungen zur Verfügung stellen.

Lösungen aus Pappe

Auch der Berliner Konzern Delivery Hero, zu dem etwa Lieferheld und Foodora gehören, ist laut eigenen Angaben bereits dabei, das Problem anzugehen - allerdings auf rein freiwilliger Basis, wie Dorette Stüber aus der Nachhaltigkeits-Abteilung betont. "Wir können den Restaurants statt Aluminium und Styropor zwar Lösungen aus Pappe anbieten, zwingen können wir sie aber nicht", sagt sie. Es gebe immer Restaurants, die Mehrkosten scheuten oder den Aufwand, ihre Gewohnheiten umzustellen. Das liege dann jedoch nicht in der Verantwortung der Lieferdienste.

Tatsächlich bieten die Verpackungsfirmen den Restaurants in ihren Online-Shops zahlreiche Alternativen an. Diese sind in der Regel allerdings aus Papier oder Pappe und häufig zudem mit Plastik-Elementen versehen. Das Problem an der Papier-Alternative: Ihre Herstellung erfordert ebenfalls viel Energie, Wasser und Chemikalien. Ähnlich verhält es sich mit vermeintlich nachhaltigeren Materialien wie Holz, Bambus oder Jute.

"Diese Alternativen lohnen sich erst, wenn sie mehrfach verwendet werden, und das ist bei den Behältern der Lieferdienste schlicht nicht vorgesehen", sagt Christine Wenzl vom Bund für Umwelt und Naturschutz. "Es wäre das Beste, wir kämen zu echten Mehrweg-Lösungen. Das geht aber nicht allein mit Verboten." Ihrer Ansicht nach braucht es ein höheres gesellschaftliches Bewusstsein. Es müsse normal werden, die eigene Metalldose und den eigenen To-Go-Becher von zu Hause mitzunehmen. "Aber vielleicht gewöhnen wir uns ja auch einfach wieder an, den Kaffee direkt aus der Tasse zu trinken", sagt Wenzl. "Quasi als Coffee-to-stay."

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