bedeckt München 25°

Überfischung in Spanien:Eine brutale Tradition

Inzwischen ein Museumsstück

"Die Japaner sind unsere besten Kunden. Aber ihre große Nachfrage nach dem Roten Thun ist auch zu unserem Fluch geworden."

(Foto: AFP)

Almadraba, das ist die Tradition. Das arabische Wort bedeutet wörtlich "Kampfplatz". Ein Thunfischschwarm schwimmt in ein Labyrinth aus Stellnetzen, es wird schrittweise verengt, die große Netzkammer in der Mitte wird schließlich angehoben, bis das Töten und Schlachten beginnt.

Das neue Heimatmuseum des zwanzig Kilometer nordwestlich gelegenen Touristenstädtchens Conil de la Frontera, das einst auch vom Fischfang lebte, zeigt Almadraba-Modelle vom Mittelalter bis heute. Der Rote Thun ist der Protagonist der Dauerausstellung in der ehemaligen Pökelei, wo einst sein Fleisch auch als Proviant für die Atlantiksegler zu den lateinamerikanischen Besitzungen der spanischen Krone eingesalzen wurde.

Das Prinzip der Almadraba beruht darauf, dass die Thunfische, die bis zu 80 Kilometer in der Stunde zurücklegen können, sich im Atlantik und Mittelmeer seit Menschengedenken auf den selben Routen bewegen: Im Frühjahr ziehen sie von den nährstoffreichen kalten Gewässern des Nordatlantiks mit kräftigen Fettpolstern durch die Straße von Gibraltar ins weitaus wärmere Mittelmeer, um dort zu laichen. Die Weibchen stoßen dabei Millionen von Eiern aus, die Männchen geben Fontänen von Sperma darauf ab. Im Herbst treten die Schwärme mit den Jungtieren die Rückreise vorbei an Gibraltar nach Norden an.

Die Route führt dabei zunächst dicht an der Costa de la Luz vorbei. Schon in der Antike wurden dort in den ufernahen Gewässern große Fischreusen aufgestellt, die Phönizier haben damit begonnen, die Römer und nach ihnen die Mauren haben die Technik weiterentwickelt.

Die Netze wurden mit Gewichten und Ankern auf dem Meeresgrund festgezurrt, bis zu zehn Metern mussten die Fischer dafür in die Tiefe tauchen. Die großen Labyrinthe aus Netzen, Seilen und Holzgerippen wurden jedes Frühjahr in wochenlanger Arbeit auf- und im Herbst wieder abgebaut; sie hätten die Winterstürme nicht überstanden.

Taucher planen den Fang

Die Ausbeute war immer üppig, der Rote Thun galt als "König der Meere". Er hat keine natürlichen Feinde, außer dem Orca, dem großen Schwertwal, der bis heute gern Schwärme vor der Straße von Gibraltar abpasst.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es an der Küste mehr als hundert Almadraba-Labyrinthe. Heute sind es nur noch vier, das größte ist das von Barbate mit einer Grundfläche von anfangs zwei Fußballplätzen, deren Außennetze aber immer weiter zusammengezogen werden.

Heute fahren die Thunfischer weiter aufs Meer hinaus, zwischen drei und fünf Kilometern von der Küste entfernt. Zum Einsatz kommen Taucher mit Pressluftflaschen. Der Aufbau der Fangkonstruktionen bis in eine Tiefe von 35 Metern, die an der Wasseroberfläche durch Reihen von roten und orangen Bojen markiert werden, wird minutiös geplant. Die Skizzen müssen punktexakt umgesetzt werden.

Industriestaaten verdoppeln ihre Hilfen für den Artenschutz

Sichelförmige Schwanzflossen mit scharfen Knorpelsträngen: Ein Schlag kann tödlich sein. So gibt es Legenden und Lieder wie bei der Corrida.

(Foto: Gavin Newman/dpa)

Die Thunfische sollen durch verschiedene Kammern bis ins "Schwimmbecken" (piscina) gelangen, das schließlich auch der "Kampfplatz" wird. Mehrere Kutter kommen zum Einsatz, wenn die Netze der Piscina angehoben werden. Die gefangenen Thunfische werden immer enger zusammengedrückt, sie geraten in Panik, doch längst nicht alle verenden sofort, sobald das Netz an der Wasseroberfläche angelangt ist. Stück für Stück werden sie entweder mit Haken an das Deck der Kutter gezogen und sofort mit Messerschnitten getötet, oder aber wagemutige Taucher springen mit langen Messern ins Wasser, um ihr blutiges Handwerk zu versehen.

Gefährliche Arbeit

Es ist lebensgefährlich: Die sichelförmigen Schwanzflossen weisen scharfe Knorpelstränge auf, ein Schlag mit ihnen kann tödlich sein. So gibt es um die Almadraba Legenden und Lieder - ein Kult um das Kräftemessen zwischen Mensch und Tier wie bei der Corrida, dem Stierkampf, bei dem aber auch das Tier immer verliert.

Während das Wasser um den "Kampfplatz" noch rot gefärbt ist, während Möwen auf die Kutter herabstoßen, um Fleischhappen zu erhaschen, werden die ersten Partien frisch getöteter Thunfische auf ein japanisches Schiff umgeladen, wo sie sofort marktgerecht verarbeitet werden. "Die Japaner kaufen mehr als vier Fünftel unseres Fanges", sagt Fernández Muñoz. Ein Teil kommt auch als Luftfracht in großen Kühlbehältern auf schnellstem Weg zu den Fischauktionen von Tokio.

Das Geschäft ist schnell geworden. Wenn die ersten Thunfische im Frühjahr ins Netz gehen, machen Taucher Unterwasserfilmaufnahmen von ihnen, die über das Internet an die japanischen Fischhändler geschickt werden. Die Informationen über Aussehen und Größe der Fische lassen die Experten auf die Qualität des Fleisches schließen und setzen die Bieterbörse in Gang. Die Beute wird verkauft, bevor sie erlegt ist - auf diesem Motiv beruht ja auch die Filmkomödie "Thunfisch und Schokolade".

Fische und Fang immer kleiner

Thunfisch-Verkauf in Japan

In Japan erzielen Fische aus Spanien Preise bis zu 500 Euro pro Stück.

(Foto: DPA)

Allerdings geht immer weniger davon den Fischern an der Costa de la Luz ins Netz: Noch Anfang der Neunzigerjahre wurden allein vor Barbate jährlich rund 5000 Rote Thuns aus dem Meer geholt, heute spricht man schon bei 800 von einem guten Jahr. Auch sind die Fische viel kleiner geworden: Früher waren Exemplare von einer halben Tonne keine Seltenheit, als guter Durchschnitt galt 300 Kilogramm. Doch heute liegt die Masse gerade einmal bei einem Viertel davon, wie Kapitän Vargas klagt.

Für das 22 000 Einwohner zählende Barbate ist dieser Rückgang ein gewaltiges Problem. Denn zu lange hat man hier auf Fischfang und Fischverarbeitung gesetzt. Der Sandstrand ist im Vergleich zu anderen Orten an der Küste wie Conil de la Frontera eher bescheiden, die internationale Touristikbranche macht einen Bogen um Barbate.

Sie schreckt unter anderem der Levante ab, ein scharfer und heißer Wind aus Nordafrika, der auch oft genug den Fischern zu schaffen macht. Es kommen stattdessen vor allem Spanier, die aber nur während zweier Monate, nämlich im Juli und August, Geld im Ort lassen.

In Barbate sind es nur noch ein paar Hundert Personen, die im Fischfang ihr Auskommen finden; für viele ist es allerdings ebenfalls Saisonarbeit, denn gebraucht werden sie ja nur im Frühjahr und im Herbst. Entsprechend ist die Arbeitslosigkeit hoch.

Früher versuchten namentlich junge Leute ihr Glück im Tabak- und Haschischschmuggel: Die mit kleinen Booten aus Marokko kommende Ware wurde auf See in die Fischkutter umgeladen. Der vor einem Jahrzehnt in Barbate gedrehte Spielfilm handelt auch davon: "Schokolade" ist das Codewort für die Schmuggelware. Doch mittlerweile hat sich die Überwachungstechnik des Küstenschutzes immer mehr verbessert, sodass die Schmuggelei mit großem Risiko verbunden ist.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB