Fischerei:Im Schleppnetz der Umweltsiegel

Heringsfischer an der Ostsee

Heringsfischer auf Rügen: Die Deutsche Erzeugergemeinschaft Nord- und Ostseefischer hat das MSC-Umweltsiegel für nachhaltige Fischerei erhalten.

(Foto: Stefan Sauer /dpa)

Quoten, Schonzeiten: Kaum ein Berufsstand wird so stark kontrolliert wie Fischer in Deutschland. Unterwegs auf einem Heringskutter vor der Ostseeinsel Rügen.

Von Thomas Hahn

Dietmar Luick, Kapitän des Fischkutters Antares, ist ein Seebär mit Brille, ruhig, freundlich und stolz. Die Welt betrachtet er vom Sessel seines Steuerhauses aus, was nicht die beste Position ist, um sie in all ihren Zusammenhängen zu verstehen. Aber er gibt sich Mühe.

Er will nicht nur schimpfen, wobei keiner glauben soll, dass er um des Friedens willen seine Ehrlichkeit über Bord wirft. "Ganz schön haarsträubend" findet er es zum Beispiel, wie diese Welt der Beamten, Politiker und Wissenschaftler seinen Berufsstand mit Regeln und Kontrollen überzieht. Seine Rede schwankt zwischen Einsicht, Resignation und spöttischer Verachtung, wenn er darüber spricht. "Ich habe mir abgewöhnt zu sagen, jetzt ist Ende der Fahnenstange. Es gibt Leute, die lassen sich immer wieder was Neues einfallen", sagt er. Er ist ein Mann auf einem Kutter, ausgesetzt den Wellen, die andere machen. Was kann er schon tun? Immerhin, ab und zu gibt es gute Nachrichten. Zum Beispiel diese: Der Ostsee-Hering wird teurer. Endlich.

Seit Dienstag ist es offiziell. Da hat der Marine Stewardship Council (MSC) erklärt, dass er die Deutsche Erzeugergemeinschaft Nord- und Ostseefischer GmbH mit ihren 38 Kuttern, zu denen auch die Antares gehört, nach Jahren der prüfenden Beobachtung mit dem Umweltsiegel für nachhaltige Fischerei auszeichnet.

Der MSC ist eine nicht staatliche, gemeinnützige Organisation, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen Standards für einen umweltverträglichen Fischfang setzt. Es ist also eine dieser Institutionen, von denen sich einer wie Kapitän Luick beobachtet fühlt, wenn er auf dem Meer vor Rügen seinem Beruf nachgeht. Die er am Ende aber doch akzeptiert, weil sie das Gebiet schützt, das er bewirtschaftet, und weil sie für den Fisch, den er fängt, Verkaufsargumente sammelt.

Die Deutschen sind Siegel-Käufer

Dass man Meere auch leer fischen kann, ist längst verankert im Bewusstsein aufgeklärter Verbraucher. Umweltorganisationen wie WWF oder Greenpeace machen Druck. Gerade in Deutschland wünschen die Leute einen Hinweis darauf, dass sie ein Produkt guten Gewissens kaufen können. "Deutsche sind Siegel-Käufer", sagt MSC-Sprecherin Gerlinde Geltinger.

Die Supermarktketten richten sich danach. Was kein Nachhaltigkeitsetikett trägt, sinkt im Wert. 27 Cent kostet das Kilo Hering ohne MSC-Siegel, 35 Cent mit dem Etikett. Und weil der Ostsee-Hering noch keines hatte, erklärte die Sassnitzer Fischverarbeitungs-GmbH Euro-Baltic den langwierigen Prozess um die MSC-Gunst zur Schicksalsfrage für die örtliche Fischerei. "Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass der Ostsee-Hering ohne Zertifikat nicht mehr verkaufbar ist", sagt Euro-Baltic-Geschäftsführer Uwe Richter. "Wenn das Siegel nicht gekommen wäre, hätten einige Fischereien das nächste Jahr nicht erlebt."

Kapitän Luick hat seine Antares in Bewegung gesetzt. Die Ostsee liegt friedlich in der Dämmerung. Heringe bleiben tagsüber tief unten am Meeresgrund, sie werden erst aktiver, wenn es dunkel ist, deshalb haben Luick und seine drei Besatzungsmitglieder eine Nachtschicht vor sich. Luick steht im Steuerhaus vor einer Reihe von Bildschirmen. Einer zeigt eine Karte der westlichen Ostsee mit den Grenzlinien, in denen Luick sich mit seinem Kutter bewegen darf. Je nach Motorenstärke bekommen die Kapitäne ihre Fanggebiete zugewiesen, und die Antares, 300 PS stark, steuert nun Richtung Sassnitzer Graben, der sich vor Rügens Küste nach Norden Richtung Arkona-Becken erstreckt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB