Kommentar:Wichtiger als Geld

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Kommentar: Sonja Salzburger freut sich schon auf ihre Booster-Spritze. Illustration: Bernd Schifferdecker

Sonja Salzburger freut sich schon auf ihre Booster-Spritze. Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Bund verlängert die Überbrückungshilfen - das ist gut für viele Tourismusbetriebe. Die Entscheidung birgt aber auch einige Probleme und greift zu kurz.

Von Sonja Salzburger

Der 31. Dezember war der Tag, dem viele Touristiker seit Wochen mit Angst entgegengeblickt haben. Zum Jahresende sollten die milliardenschweren Überbrückungshilfen des Bundes auslaufen. "Dann beginnt das große Sterben", hatte der Direktor eines Businesshotels aus Hannover bereits im Oktober prognostiziert. Nun wurde die Galgenfrist um drei Monate verlängert.

Bund und Länder haben bei ihren Beratungen am Donnerstag beschlossen, Betriebe, die besonders hart von der Corona-Pandemie getroffen wurden, noch bis Ende März zu unterstützen. Das trifft momentan vor allem auf Veranstalter, Tagungshotels, Reiseanbieter und bestimmte Gastronomiebetriebe zu. Die Entscheidung ist richtig und greift dennoch zu kurz.

Noch vor wenigen Tagen sah es so aus, als würde es für die Tourismusbranche endlich aufwärtsgehen. Viele Menschen hatte das Fernweh gepackt. Stetig wegfallende Reisebeschränkungen sowie das Gefühl, dass die Preise inflationsbedingt nicht weiter sinken werden, sorgten für eine unerwartet große Buchungsfreudigkeit. Laut einem touristischen Vertriebsklimaindex, einem Pulsmesser für die Reisebranche, war die Stimmung mit Blick auf die aktuelle Lage in den Reisebüros im Oktober so hoffnungsvoll wie nie zuvor in diesem Jahr.

Wenn das Geschäft nun wieder einbricht, weil viele Menschen aufgrund der explodierenden Fallzahlen verunsichert sind, Urlaube stornieren oder gar nicht erst buchen, trifft das Reisebüros, Veranstalter und Hotels hart und unverschuldet. Die Branche weiter finanziell zu unterstützen, ist daher konsequent und gerecht.

Doch sollte nicht außer Acht gelassen werden: Die Touristik stand auch schon vor der Pandemie extrem unter Druck, viele Unternehmen waren wirtschaftlich angeschlagen. Die Insolvenz von Air Berlin im Jahr 2017 sowie die Thomas-Cook-Pleite 2019 sind dabei nur zwei prominente Beispiele, die verdeutlichen, dass eine Konsolidierungsphase bevorstand. Von den milliardenschweren Corona-Hilfen profitieren nun auch viele Betriebe, die sich früher oder später ohnehin vom Markt verabschieden müssen. Sie werden monatelang künstlich mit Steuergeldern am Leben gehalten - Geld, dass man sich lieber gespart hätte. Spätestens im Sommer 2022 werden viele Insolvenzen nicht mehr abzuwenden sein.

Das ist das Dilemma der Corona-Hilfen. Es ist richtig, alle jene Unternehmen nicht im Stich zu lassen, die nur durch die Pandemie und völlig unverschuldet in eine Krise geraten sind. Eindeutig zwischen den künftig erfolgreichen und den zu angeschlagenen Betrieben zu unterscheiden und nur die zukunftsfähigen Firmen zu unterstützen, ist nicht machbar. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass alle Anspruch auf die Hilfen haben, wenn sie starke Umsatzeinbrüche nachweisen können.

Die Tourismusbetriebe, die eine finanziell gute Zukunft vor sich haben, hätten allerdings deutlich mehr davon, wenn die Politik die Pandemie endlich dauerhaft in den Griff bekommen würde. Dann hätten sie endlich Planungssicherheit, könnten wieder aus eigener Kraft wirtschaftlich arbeiten und wären auf keinen Steuer-Cent mehr angewiesen. Mit immer mehr Geld über politisches Versagen hinwegzutäuschen, das kann auf Dauer nicht gut gehen. Es ist rücksichtlos gegenüber der jüngeren Generation, die die Schulden eines Tages abbezahlen muss, und es schadet der Wirtschaft insgesamt.

Das Coronavirus ist gekommen, um zu bleiben. Jetzt gilt es, einen Weg zu finden, um in Zukunft damit zu leben. Wenn das nicht gelingt, wird sich die Touristik nur noch von Sommer zu Sommer hangeln, wenn die Fallzahlen niedriger sind als in der kalten Jahreszeit und die Menschen sich trauen, zu reisen. Zahlreiche Insolvenzen, auch von vielen gut aufgestellten Unternehmen, wären die Folge.

Eine Impfpflicht ist längst überfällig. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat recht, wenn er von einer "Tyrannei der Ungeimpften" spricht. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass gutes Zureden nicht hilft. Deshalb ist jetzt konsequentes Handeln gefragt. Der Druck auf all jene, die durch ihre Ignoranz der Gesellschaft insgesamt schaden, muss maximal erhöht werden. Dass Österreich hier vorangeht und die Impfpflicht ab Februar einführen will, macht Hoffnung.

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