Wirtschaftskrise Die Türkei steht direkt am Abgrund

Alltägliche Produkte sind auch für die Menschen in Istanbul teurer geworden.

(Foto: AFP)
  • Die wirtschaftliche Lage in der Türkei ist so schlecht wie seit Jahren nicht.
  • Die Inflation liegt bei etwa 15 Prozent, die Währung kollabierte - und der Regierung fehlt bislang jede Lösung.
  • Mittlerweile bekommt auch die Bevölkerung massive Preissteigerungen im Alltag zu spüren.
Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Mehmet Şimşek ist Kurde, hat einen britischen und einen türkischen Pass, zuletzt war er türkischer Vizepremier, zuständig für das Finanzwesen, und damit eine der Schlüsselfiguren der Regierung in Ankara. In diesem Jahr war Şimşek, 51, schon oft in Washington. Zuletzt wurde er dort in vertraulichen Runden immer öfter gefragt: Mehmet, will we see you again? Şimşek wich dann gern aus, antwortete wie ein Diplomat: Er hoffe, dass die neue Regierung in Ankara das Richtige tun werde.

Als Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Mai ankündigte, er wolle sich künftig persönlich stärker um die Geldpolitik kümmern, wurden Investoren nervös. Es war Şimşek, der versicherte, die türkische Zentralbank bleibe unabhängig. Die Bank erhöhte dann mehrfach die Leitzinsen, gegen den Willen Erdoğans, der sie gern niedriger gehalten hätte - besonders vor der Parlaments- und Präsidentenwahl am 24. Juni. Şimşek sei einer der wenigen in Erdoğans Nähe, der sich auch mal zu sagen traue, "dass der Kaiser nackt ist", sagt der türkische Ökonom Emre Deliveli, der generell einen eher kritischen Blick auf das Geschehen in Ankara hat, Şimşek aber schätzt.

Im neuen Kabinett Erdoğans wird es keinen Premier und auch keinen Vizepremier mehr geben, nur 16 Minister und mehrere Vizepräsidenten. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass Şimşek wieder einen wichtigen Posten erhält. Das wäre eine klare Botschaft, sie lautet: Die Lage ist ernst, die Türkei braucht jetzt Haushaltsdisziplin, eine unabhängige Zentralbank und keine neuen politischen Experimente. Erdoğan, so meldete am Mittwoch CNN Türk, werde sein neues Personal am kommenden Montagabend vorstellen.

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Wie ernst die Lage ist, kann man jeden Tag an neuen Statistiken ablesen: Am Dienstag wurden die Daten zur Inflation verkündet. Experten hatten damit gerechnet, dass die Steigerung im Juni 1,4 Prozent betragen würde. Es sind aber 2,61 Prozent, und aufs Jahr gerechnet 15,39 Prozent. Das ist die höchste Inflationsrate seit 14 Jahren - es war ein Schock. Die Gehälter der Beamten mussten erneut angepasst werden: In der niedrigsten Stufe bekommen Staatsdiener jetzt 3133 Lira, das sind 577 Euro. Vor einem Jahr wären das noch 778 Euro gewesen. Dazwischen liegen Welten.

Die Verluste der Lira sind eine große Last für alle, die Kredite in Fremdwährungen haben. Etwa die Hälfte der Unternehmensschulden müssen in Devisen beglichen werden. Große türkische Konzerne mussten bereits ihre Schulden umstrukturieren oder sind noch dabei. Marktbeobachter Deliveli sagt: "Die Großen, ob Doğuş oder Ülker, lässt man nicht fallen, aber was mit den kleineren Firmen passiert, den einstigen anatolischen Tigern, das ist nicht so klar." In einem Interview mit dem Handelsblatt versuchte Şimşek im Juni Ängste zu dämpfen. "Kurzfristig", sagte er, seien "die Fremdwährungsvermögen größer als die Verbindlichkeiten". Er mache sich deshalb "keine Sorgen, sofern sich die Stimmung nach der Wahl wie erwartet beruhigt".