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Tourismus:Touristen begeben sich immer wieder in Lebensgefahr

Das ist eines der Probleme: Straßen, Krankenhäuser, die gesamte Infrastruktur ist für so viele Menschen nicht gemacht. Hinzu kommt, dass Island nach der Bankenkrise sparen musste. Während die Zahl der Besucher also steil anstieg, wurde gleichzeitig das Budget für Straßen, Gesundheitswesen und Polizei gekürzt. Guðrún Þóra Gunnarsdóttir, Leiterin des Isländischen Zentrums für Tourismusforschung in Akureyri sagt: "Die Isländer sind der Touristen nicht müde, jedenfalls noch nicht." Sie seien es jedoch müde, dass es keinen richtigen Plan gebe, wie man mit den Touristen-Massen umgehen will.

Denn die Massen machen auch vor sensiblen und gefährlichen Orten nicht halt. Besonders beliebt ist der Strand von Reynisfjara: Dort treffen Wellen aus großer Tiefe auf das Land wie auf ein Plateau. Man sieht sie nicht kommen, aber dann türmen sie sich hoch auf. Wen die Wellen erwischen, den reißen sie schnell und weit ins Meer hinaus. Im Februar ist dabei ein Chinese ertrunken, die Behörden haben Warnschilder aufgestellt. Trotzdem machen viele weiterhin Selfies von sich und den Sneaker-Wellen, "Photos to die for" schreibt die isländische Presse konsterniert - Island sehen... und sterben?

Im Februar hüpften Besucher eines Gletschersees von einer Scholle zur anderen, quietschfidel. Ein Isländer, der herbeigeeilt kam, um sie zu warnen, sprach von einer "tickenden Zeitbombe". Ende Oktober kam ein Bus mit Chinesen von einer vereisten Straße ab. Über ein Dutzend von ihnen musste in die Notaufnahme, Mandarin sprach man dort dann aber nicht. So langsam ist auch dem letzten Isländer klar, was es heißt, wenn jeder zehnte Mensch auf der Insel ein Besucher ist.

Viele sind nun der Meinung, die Touristen könnten sich daran beteiligen, Island massentauglicher zu machen. Warum sollten 337 000 Isländer allein für Straßen aufkommen, die Millionen im Jahr benutzen? "Wir sind so wenige, man kann nicht von uns erwarten, dass wir das gesamte System aufrechterhalten ohne eine kleine Besteuerung der Leute, die herkommen", sagt die Anwältin Katrin Oddsdottir.

Die Einwohner hoffen, sich von der Macht der Großkonzerne zu befreien

Die Frage ist, wie das aussehen soll: Einreise- oder Ausreisesteuer? Übernachtungssteuer oder Eintrittspreise für die Nationalparks? Es gebe viel zu bedenken, sagt Ólöf Ýrr Atladóttir vom Tourismusverband, zum Beispiel, dass man an empfindlichsten Orten gar nicht so viele Besucher haben wolle.

Die Geysire beispielsweise gelten bereits als überlaufen. Die Besitzer haben es dort 2014 mit Eintrittspreisen versucht, und Sturm geerntet. In Island gilt das Jedermannsrecht, grundsätzlich darf man auch privates Land frei betreten. Den Ticketverkauf am Geysir hat der Oberste Gerichtshof also gestoppt, auch weil Teile des Gebiets ohnehin der isländischen Regierung gehören.

Eine Hoffnung haben die Isländer aber dann doch an den Tourismus, so sehr sie auch mit ihm hadern. Hotels, Souvenir-Shops und Restaurants sind in der Hand kleinerer Unternehmen, Familienbetriebe, Zimmer werden häufig sogar von Landwirten vermietet. Der Tourismus könnte die Insel also von der Macht der Großkonzerne in der Fischindustrie befreien.

Eine Umfrage der Tourismusforscherin Guðrún Þóra Gunnarsdóttir hat ergeben, dass ausnahmslos alle Gemeinden Islands den Tourismus begrüßen. Der Tourismus mache die Menschen wieder stolz auf ihre Orte. Jetzt müssen sie nur noch aufpassen, dass niemand in den Gletschersee fällt.

© SZ vom 02.12.2016/vd
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