Süddeutsche Zeitung

Tourismus:Island versinkt in den Touristenmassen

Die vielen Besucher bringen dem Inselstaat ordentlich Geld ein. Aber es gibt zu wenige Hotels. Einwohner und Umwelt leiden unter dem Ansturm.

Von Silke Bigalke, Reykjavik

Die Dummheiten, die Touristen in Island anstellen, lassen sich ganzjährig beobachten. Im November konnte ein Pärchen den eigenen Mietwagen im Gletschersee Jökulsárlón an sich vorbeischwimmen sehen. Er war ins Eiswasser gerutscht, während die beiden draußen Fotos machten. Im Oktober wollte ein Rentner offenbar in einer heißen Quelle baden. Er erlitt schwere Verbrennungen, als er in fast kochendes Wasser stieg. Vergangenen Winter retteten Einsatzkräfte drei Mal innerhalb eines Monats dieselbe Touristengruppe. Die Briten wollten auf Skiern quer über die Insel.

Der Tourismus auf Island boomt, in den vergangenen vier Jahren hat sich die Besucherzahl verdoppelt. Der Anstieg begann bereits mit dem Bankencrash 2008, die schwache Krone machte den Besuch danach erschwinglicher. Dann befeuerte der Vulkan Eyjafjallajökull die Neugier. Der isländische Erfolg bei der Fußball-EM hat sein Übriges getan: Allein bis Ende Oktober kamen dieses Jahr 1,5 Millionen Besucher, über ein Drittel mehr als im selben Zeitraum 2015. Tourismus ist Islands wichtigster Wirtschaftszweig, die Einnahmen übersteigen heute die der Fischindustrie.

Nur: Die Isländer merken inzwischen auch, wie wenig vorbereitet sie auf den Ansturm sind. Überall in Reykjavik sieht man Baukräne, entstehen neue Hotels. Doch es mangelt nicht nur an Betten. "Die Regierung hat nichts getan, um der irren Last durch den Tourismus zu begegnen", sagt Katrin Oddsdottir, Anwältin und Aktivistin, die bei Regen und mit Schnupfen in einem Café in Reykjavik sitzt. Die Isländer seien nicht in der Lage gewesen, ihre Natur zu schützen, klagt sie, dabei kämen die Touristen ja genau deswegen. "Wenn es so weitergeht, werden wir wie das Benidorm des Nordens."

Viele Isländer sind genervt von Touristen, die campen, wo sie wollen, Autowaschanlagen als Dusche benutzen und sich dort in die Natur hocken, wo die Natur sie gerade ruft. Die ihren Müll liegen lassen und über Moose trampeln, die Jahrhunderte brauchten, um auf Lavaboden zu wachsen. In einer Umfrage des isländischen Tourismusverbands sagten 75,7 Prozent der Befragten, der Druck durch die Touristen auf die isländische Natur sei zu hoch.

Der Tourismus hat Island aus der Krise geholfen, trotzdem ärgern sich Einwohner

Der Tourismusverband sitzt in einem alten Haus am Hafen, draußen stürmt es. "Wir erkennen nun, dass die Einwohner den Tourismus auch negativ wahrnehmen können, wenn er ohne Planung und Strategie vorangeht", sagt Direktorin Ólöf Ýrr Atladóttir. Tourismus sei eben eine ganz eigene Industrie. Bevor die Touristen kamen, waren die Fische Islands wichtigste Einnahmequelle. Fisch-Vergleiche funktionieren immer noch gut auf der Insel: "Man fängt den Fisch draußen auf dem Meer, bringt ihn in die Fabrik, verkauft ihn", erklärt Ólöf Ýrr Atladóttir. "Niemand sieht einen Kabeljau auf den Straßen herumspazieren oder erlebt, wie er den Lieblingstisch im Café besetzt."

Zählt man die Übernachtungen, sind im Schnitt täglich beinahe 30 000 Touristen im Land, hat Islandsbanki in einer Studie ausgerechnet. Bei nur 337 000 Einwohnern sei das eine der höchsten Quoten der Welt. Ein Drittel der isländischen Exporteinnahmen kommt laut Islandsbanki aus dem Tourismus, genauso wie mehr als jeder dritte Job, der seit 2010 geschaffen wurde. Die Arbeitslosenquote ist auf 2,6 Prozent gesunken, der Tourismus hat Island aus der Krise geholfen - da kann man ein paar Wachstumsschmerzen verkraften.

Doch Vilhjálmur Egilsson, Rektor der Universität Bifröst, warnt bereits vor einer Blase, der nächsten. Die Löhne seien dramatisch gestiegen, die Isländer geben das Geld aus, die Importe wachsen schneller als die Exporte, der Wert der Krone steigt. "Eine Menge Alarmglocken schrillen da", sagt Vilhjálmur Egilsson. "Irgendwann wird die Blase platzen." Der Tourismus-Boom zögere das Platzen der Blase zwar hinaus, er sorgt in Island hauptsächlich für Wachstum. "Doch wenn das aufhört, bekommen wir Probleme, weil viele in dieses Wachstum investiert haben." Dem Ökonomen wäre es lieber, wenn die Isländer mehr Einnahmen aus dem Tourismus in das unterfinanzierte Gesundheitswesen und die Infrastruktur stecken würden, als in privaten Konsum.

Touristen begeben sich immer wieder in Lebensgefahr

Das ist eines der Probleme: Straßen, Krankenhäuser, die gesamte Infrastruktur ist für so viele Menschen nicht gemacht. Hinzu kommt, dass Island nach der Bankenkrise sparen musste. Während die Zahl der Besucher also steil anstieg, wurde gleichzeitig das Budget für Straßen, Gesundheitswesen und Polizei gekürzt. Guðrún Þóra Gunnarsdóttir, Leiterin des Isländischen Zentrums für Tourismusforschung in Akureyri sagt: "Die Isländer sind der Touristen nicht müde, jedenfalls noch nicht." Sie seien es jedoch müde, dass es keinen richtigen Plan gebe, wie man mit den Touristen-Massen umgehen will.

Denn die Massen machen auch vor sensiblen und gefährlichen Orten nicht halt. Besonders beliebt ist der Strand von Reynisfjara: Dort treffen Wellen aus großer Tiefe auf das Land wie auf ein Plateau. Man sieht sie nicht kommen, aber dann türmen sie sich hoch auf. Wen die Wellen erwischen, den reißen sie schnell und weit ins Meer hinaus. Im Februar ist dabei ein Chinese ertrunken, die Behörden haben Warnschilder aufgestellt. Trotzdem machen viele weiterhin Selfies von sich und den Sneaker-Wellen, "Photos to die for" schreibt die isländische Presse konsterniert - Island sehen... und sterben?

Im Februar hüpften Besucher eines Gletschersees von einer Scholle zur anderen, quietschfidel. Ein Isländer, der herbeigeeilt kam, um sie zu warnen, sprach von einer "tickenden Zeitbombe". Ende Oktober kam ein Bus mit Chinesen von einer vereisten Straße ab. Über ein Dutzend von ihnen musste in die Notaufnahme, Mandarin sprach man dort dann aber nicht. So langsam ist auch dem letzten Isländer klar, was es heißt, wenn jeder zehnte Mensch auf der Insel ein Besucher ist.

Viele sind nun der Meinung, die Touristen könnten sich daran beteiligen, Island massentauglicher zu machen. Warum sollten 337 000 Isländer allein für Straßen aufkommen, die Millionen im Jahr benutzen? "Wir sind so wenige, man kann nicht von uns erwarten, dass wir das gesamte System aufrechterhalten ohne eine kleine Besteuerung der Leute, die herkommen", sagt die Anwältin Katrin Oddsdottir.

Die Einwohner hoffen, sich von der Macht der Großkonzerne zu befreien

Die Frage ist, wie das aussehen soll: Einreise- oder Ausreisesteuer? Übernachtungssteuer oder Eintrittspreise für die Nationalparks? Es gebe viel zu bedenken, sagt Ólöf Ýrr Atladóttir vom Tourismusverband, zum Beispiel, dass man an empfindlichsten Orten gar nicht so viele Besucher haben wolle.

Die Geysire beispielsweise gelten bereits als überlaufen. Die Besitzer haben es dort 2014 mit Eintrittspreisen versucht, und Sturm geerntet. In Island gilt das Jedermannsrecht, grundsätzlich darf man auch privates Land frei betreten. Den Ticketverkauf am Geysir hat der Oberste Gerichtshof also gestoppt, auch weil Teile des Gebiets ohnehin der isländischen Regierung gehören.

Eine Hoffnung haben die Isländer aber dann doch an den Tourismus, so sehr sie auch mit ihm hadern. Hotels, Souvenir-Shops und Restaurants sind in der Hand kleinerer Unternehmen, Familienbetriebe, Zimmer werden häufig sogar von Landwirten vermietet. Der Tourismus könnte die Insel also von der Macht der Großkonzerne in der Fischindustrie befreien.

Eine Umfrage der Tourismusforscherin Guðrún Þóra Gunnarsdóttir hat ergeben, dass ausnahmslos alle Gemeinden Islands den Tourismus begrüßen. Der Tourismus mache die Menschen wieder stolz auf ihre Orte. Jetzt müssen sie nur noch aufpassen, dass niemand in den Gletschersee fällt.

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SZ vom 02.12.2016/vd
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