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Studien zum Freihandelsabkommen:Prognosen zur EU und zu Nafta lagen daneben

Besonders deutlich werden die Unterschiede zwischen den Ergebnissen beim Wirtschaftswachstum: Die Londoner Forscher des CEPR zum Beispiel gehen davon aus, dass sich das BIP in der EU durch das TTIP um zusätzlich 0,48 Prozent erhöht, in den USA nur um 0,39 Prozent - und das erst 2027.

Forscher des Ifo-Instituts haben im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hingegen einen deutlichen Anstieg des realen, also inflationsbereinigten BIPs errechnet. Es sagt etwas darüber aus, ob der Wohlstand tatsächlich wächst. Der Ifo-Studie zufolge nimmt es über einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren in Deutschland um 4,7 Prozent zu, in den USA um 13,4 Prozent. Das sind gewaltige Abweichungen zu den CEPR-Ergebnissen. Ifo-Forscher Felbermayr erklärt sie damit, dass die Analysen erstens unterschiedliche Modelle nutzen. Zweitens beziehe die Ministeriums-Studie auch Erfahrungswerte aus existierenden Abkommen ein und nehme an, dass alle möglichen nichttarifären Barrieren Kosten verursachen - also auch die fehlende Infrastruktur eines Landes.

Rudolf Hickel vom Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen verweist darauf, wie falsch Studien in der Vergangenheit schon lagen, wenn sie versuchten, Wirtschaftswachstum vorherzusagen: Berüchtigt ist der sogenannte Cecchini-Bericht aus den späten Achtzigerjahren. Die Studie prognostizierte im Falle eines europäischen Binnenmarkts enorme Wachstumszahlen für Europa - Vorhersagen, die so nie zutrafen. Auch Prognosen zum Jobwachstum hatten bereits große Schwächen, zeigt eine Untersuchung der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). Sie hat Ex-ante-Studien zum nordamerikanischen Handelsbündnis Nafta zwischen den USA, Kanada und Mexiko mit Zahlen verglichen, die zeigen, ob sich die Versprechen im Nachhinein bewahrheitet haben. Hoffnungen auf Lohnerhöhungen - wie sie sich auch die EU-Kommission für Geringqualifizierte verspricht - erfüllten sich etwa in Mexiko nur für Hochqualifizierte.

Doch selbst wenn man die Ergebnisse ernst nähme, sprächen sie nicht für TTIP, sagt Hickel: "Das durch TTIP ausgelöste, geschätzte Wachstum des EU-weiten BIP ist 2027 mit 0,48 Prozent extrem gering, mit diesen Zahlen kann keiner ernsthaft für das Abkommen argumentieren." Ähnlich ist es auch mit dem Versprechen, TTIP würde neue Jobs mit sich bringen - eines der Ziele, das die EU offiziell mit dem Abkommen verfolgt. Bis zu 400 000 neue Arbeitsplätze in der EU, allein 110 000 davon sollen es in Deutschland sein, rechnen etwa die Verfasser der Ifo-Studie für das Bundeswirtschaftsministerium vor. Die andere Studie des Münchner Instituts für die Bertelsmann-Stiftung prognostiziert 181 000 neu geschaffene Jobs in Deutschland - in einem Zeitraum von zehn bis 15 Jahren. Beide Arbeiten gehen für diese Berechnungen davon aus, dass Zölle sowie nichttarifäre Handelsbarrieren fallen. "Das ist kein Jobwunder", gibt Ifo-Forscher Felbermayr zu. "Aber der Jobeffekt ist nicht negativ. Bei anderen Abkommen, zum Beispiel mit China, wäre das so."

"Nur Tendenzen, keine Prognosen"

Bei der Kritik der Gegner fällt auf: Sie liefern keine Gegenstudie, die ähnlich groß angelegt wäre, wie die des CEPR oder des Ifo-Instituts. Hickel zufolge hat das einen einfachen Grund. Studien seien sehr teuer; im Gegensatz zu Regierungen oder zahlungskräftigen Instituten wie der Bertelsmann-Stiftung könnten sich Gegner einen Auftrag kaum leisten. Außerdem habe jede Studie, die über einen längeren Zeitraum hinweg Vorhersagen treffen wolle, ein Problem: "Es ist bislang unmöglich, das BIP für ein Land auf ein Jahr im Voraus präzise zu berechnen. Eine Studie, die das Wachstum Dutzender Staaten auf mehr als ein Jahrzehnt vorhersagen will, ist wissenschaftlich schlicht unseriös", sagt Wirtschaftsprofessor Bontrup.

Gegen Kritik wie diese wehrt sich Ifo-Forscher Felbermayr: "Unsere Studien gehen von realistischen Annahmen aus. Was am Ende herauskommt, sind nur Tendenzen, keine Prognosen." Was die Politik damit mache, sei wiederum eine andere Frage.

Diesen Lesehinweis der Studien hat offensichtlich weder die EU noch die Bertelsmann-Stiftung übernommen. In ihrem Informationsmaterial für EU-Bürger zitieren sie unkritisch die Ergebnisse ihrer in Auftrag gegebenen Arbeiten. Zwischentöne lässt immerhin die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Anfrage der Linken zu ( PDF). Darin heißt es, die Studien zu Handels- und Wohlstandsgewinnen lieferten eben nicht auf alles Antworten: Zum Beispiel lassen sie Aspekte wie Verbraucherschutz, Produktsicherheit oder soziale Absicherungen außer Acht.

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