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Rohölmarkt:Öl wird wieder deutlich teurer

Oil Sands Blaze Forces 80,000 Canadians to Flee Their Homes

Seit Wochen brennen die Wälder in Kanadas Provinz Alberta, dort, wo die wichtigsten Abbaugebiete für Ölsand liegen.

(Foto: Darryl Dyck/Bloomberg)
  • Nach dem extremen Ölpreistief sind die Preise für Rohöl zuletzt wieder spürbar gestiegen.
  • Die Gründe dafür dürften mit Krisen in vielen Förderländern weltweit und einer gestiegenen Nachfrage zusammenhängen.

Auf die Gewalt folgt Dunkelheit. Die militanten Gruppen sind zurück im Niger-Delta, sie wollen weiter das Geld erhalten, das die klamme Regierung ihnen gekürzt hat, sie lassen wieder Bomben hochgehen und Pipelines bersten. Einige Jahre lang war es relativ ruhig geblieben im Delta, jener verseuchten Region an der Küste Nigerias, die dem Land den Ölreichtum gebracht hat und den Menschen das Verderben. Die Ruhe ist vorbei. Innerhalb weniger Wochen im Frühjahr haben die Saboteure mehr als ein Drittel von Nigerias Ölproduktion weggebombt. Jetzt fehlt in Kraftwerken das Gas aus den Pipelines, den Netzbetreibern fehlt der Strom und den Menschen in Afrikas größter Volkswirtschaft bald das Licht. Und dem Ölmarkt fehlen allein etwa 800 000 Fass Öl pro Tag aus Nigeria.

So teuer wie in dieser Woche war Rohöl seit November nicht mehr. Ein Fass der maßgeblichen Nordseesorte Brent (etwa 159 Liter) kostete zwischenzeitlich fast 50 Dollar. In diesen Tagen kann man wieder beobachten, wie sehr unerwartete Angebotsverzerrungen den Markt für den wichtigsten Rohstoff der Welt bestimmen. Hieß es bislang, es herrsche noch immer ein Überangebot von etwa 1,5 Millionen Fass, das erst langsam verschwinde, könnte jetzt nach manchen Schätzungen bereits ein Defizit entstanden sein: Die Nachfrage nach Öl- und Ölprodukten übersteigt die aktuelle Produktion. Das hat mit den Pipeline-Anschlägen in Nigeria zu tun, mit Milizen in Libyen, die gegeneinander um Ölquellen kämpfen, mit der Staatskrise im Opec-Land Venezuela - und mit den Bränden in der kanadischen Provinz Alberta.

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Dort, in der Heimat der Ölsande, hat der Wind in dieser Woche gen Norden gedreht und das Feuer erneut angefacht. Dichte Wälder bestimmen die Landschaft im nördlichen Teil der Provinz, sie brennen seit Wochen. In der Nähe der mit dem Ölsand-Boom reich gewordenen Stadt Fort McMurray bedroht das Feuer die wichtigsten Abbaugebiete für den schmierigen Sand, aus dem die Kanadier Rohöl gewinnen. Die Konzerne in der Gegend mussten Mitte der Woche etwa 8000 Arbeiter in Sicherheit bringen; jetzt liegen die riesigen Sandgruben verlassen dort, als hätte jemand die Erde aufgekratzt und sie direkt daneben angezündet. Die Brände haben mehr als eine Million Fass der Ölproduktion Kanadas vom Markt gefegt, etwa ein Viertel dessen, was das Land pro Tag fördert.

Dass die Preise trotzdem nicht extrem stark steigen, wie bei früheren Angebotsschocks, liegt vor allem an den noch immer bis zum Rand befüllten Tanks in Hafenstädten rund um die Erde, den vollen Tankern, die auf den Ozeanen parken und all den anderen Lagerstätten, mit denen der Markt die Ölschwemme aufgefangen hat. Bis sie abgebaut wäre, dürften Monate vergehen. "Wir haben den Eindruck, dass die Markte sich zu hoch, zu weit und zu früh bewegt haben", schrieben Rohstoffanalysten der französischen Bank BNP Paribas am Donnerstag in einem Report. "Wir haben noch immer einen großen Überhang an Lagerbeständen, und größtenteils sind die Ausfälle - in Nigeria und Kanada - umkehrbar."

Als Reaktion auf eine lange Phase hoher Ölpreise jenseits der 100 Dollar war ein massives Überangebot entstanden, das von Mitte 2014 an zu einem Preisverfall führte, zeitweise bis unter 30 Dollar pro Fass. Die Nachfrage nach dem Rohstoff reagiert in der Regel verzögert auf solche Entwicklungen. Das Überangebot blieb, unter anderem, weil die wichtigsten Öl-Exportländer teilweise ihre Förderung sogar noch ausweiteten. Nun ist Iran zurück auf dem Weltmarkt, deutlich schneller als erwartet, mit einem Produktionsniveau wie zur Zeit vor den westlichen Sanktionen gegen das Land. Saudi-Arabien dominiert weiterhin das Öl-Kartell Opec mit seiner Strategie, möglichst viel Öl zu produzieren, um Wettbewerber aus dem Markt zu drängen, die zu höheren Kosten fördern. Der Versuch einer Allianz aus Öl-Exportländern, ihre Förderung zu begrenzen, ist vorerst gescheitert. Woran die Öl-Diplomaten bislang scheiterten, erledigen jetzt kurzfristig Naturkatastrophen und Milizen.

Ölpreise auf dem Niveau von vor wenigen Jahren dürfte es so schnell nicht mehr geben

Längerfristig sind es die grundlegenden Entwicklungen, die den Ölmarkt zurück in die Balance bringen werden. Die Nachfrage nach Ölprodukten steigt weltweit; zuletzt überraschten Daten aus Indien, wo die wachsende Mittelschicht mehr Auto fährt. Im ersten Quartal des Jahres hatte Indien den größten Anteil an der weltweiten Steigerung der Ölnachfrage. "Indien löst China als wichtigsten Wachstumsmarkt für Öl ab", schreibt die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem aktuellen Ölmarktbericht. Zugleich haben die niedrigen Ölpreise vor allem außerhalb der Opec ihre Spuren hinterlassen: Geschlossene Bohrtürme und bankrotte Firmen in den USA, aufgegebene Tiefseebohrungen in der Arktis und weitere aufgeschobene Investitionen. Die IEA sieht ihre Prognosen bestätigt, wonach der Ölmarkt im laufenden Jahr wieder ein Gleichgewicht findet.

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SZ-Grafik; Quelle: Bloomberg

Das bedeutet sehr wahrscheinlich ein niedrigeres Niveau als noch vor Jahren - also Preise, die sich zwischen 40 und 60 Dollar pro Fass einpendeln, eher als bei 100 Dollar oder mehr. Nicht zuletzt die Fracking-Förderung in den USA führte dazu, dass es heute weltweit viel mehr Möglichkeiten gibt, kurzfristig die Ölproduktion auszuweiten, als noch vor Jahren. Sobald die Preise ein bestimmtes Level übersteigen, sind auch die Produzenten in den USA binnen weniger Wochen wieder bereit.

Den Rebellen im Niger-Delta dürfte das egal sein. Die nigerianische Regierung muss sparen, weil ihr Öleinnahmen fehlen, der seit etwa einem Jahr amtierende Präsident Buhari kämpft gegen Korruption und hat den Rebellen gerade deshalb die Gelder gestrichen, mit denen seine Vorgänger sie gefügig gemacht hatten. Ein Ende der Gewalt ist nicht so bald in Sicht.

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