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Siemens: Pläne für Tochter Osram:Abschied vom Licht

Der Elektrokonzern Siemens plant das bislang Undenkbare: die Trennung von der profitablen Tochterfirma Osram, die an die Börse gehen soll.

"Hell wie der lichte Tag" - 1949 ließ sich Osram den inzwischen legendären Werbespruch einfallen und startete damit einen Siegeszug rund um die Welt. Die Firma wurde 1906 gegründet, ihr Name entstand aus den beiden Materialien Osmium und Wolfram, aus denen schon damals Glühdraht produziert wurde. Bereits seit 1919 ist Siemens an Osram beteiligt, und seit 1978 gehört das Traditionsunternehmen vollständig zum Konzern.

Osram will Umsatz steigern

Die klassische energiefressende Glühbirne wird gerade auf Anweisung aus Brüssel abgeschafft. Osram muss daher massiv in Forschung und Entwicklung investieren, um Anschluss zu halten.

(Foto: dpa/dpaweb)

Vieles hat sich inzwischen geändert, der Markt ist in völligem Umbruch. Die klassische energiefressende Glühbirne wird gerade auf Anweisung aus Brüssel abgeschafft, sparsame Leuchtdioden sind weltweit gefragt. Bald soll es möglicherweise leuchtende Folien oder ganz andere Lichtquellen geben.

Der Chef von Osram, der 49 Jahre alte Martin Goetzeler, muss deshalb massiv in Forschung und Entwicklung investieren, um Anschluss zu halten. Er möchte auch gerne weitere Firmen zukaufen, doch dafür bräuchte er das Ja des Mutterkonzerns - und der hat andere Pläne.

Dabei sind Umsatz und Gewinn bei Osram nach der tiefen Krise vor zwei Jahren inzwischen wieder deutlich gestiegen, und das Geschäft ist ziemlich profitabel - zuletzt setzte Osram 4,7Milliarden Euro um und verdiente etwa 570 Millionen Euro, die Umsatzrendite beträgt also mehr als zehn Prozent. Das Wachstum im abgelaufenen Quartal lag bei 14 Prozent.

Doch Siemens zählt Osram inzwischen nicht mehr zu seinen Zukunftsfeldern. In der etwas in die Jahre gekommenen Zentrale der Lichtfirma, ganz in der Nähe des Münchner Tierparks, ist die Unruhe groß. Denn an diesem Montag soll der Siemens-Aufsichtsrat bei einer außerordentlichen Sitzung dem zustimmen, was viele Jahrzehnte als undenkbar galt: der vollständigen oder teilweisen Trennung von Osram, voraussichtlich über einen Börsengang. Der frühere Siemens-Boss Heinrich von Pierer hatte sich immer vehement gegen einen solchen Schritt gewehrt. Der heutige Vorstandschef Peter Löscher, der die gesamte Siemens-Organisation umbaut, hat sich nun offenbar anders entschieden.

Traditionell weitgehend unabhängig

Damit würde Osram den Weg gehen, den vor gut zehn Jahren schon die Siemens-Bereiche Infineon und Epcos beschritten haben: Börsengang mit schrittweisem Abschied von Siemens.

Das Dax-Mitglied Infineon gehört heute zu den 30 größten börsennotierten Aktiengesellschaften in Deutschland und hat derzeit einen Börsenwert von 7,8 Milliarden Euro. Osram wäre davon nicht weit entfernt, Analysten schätzen den Wert der Firma auf gut fünf Milliarden Euro. Osram beschäftigt derzeit knapp 40.000 Mitarbeiter und ist traditionell weitgehend unabhängig vom Siemens-Konzern.

Die Firma ist nicht Teil der Konzernorganisation, sondern wird bereits seit 1956 als eigenständige GmbH geführt. Eine aufwendige Entflechtung wie einst bei Infineon entfällt damit. Osram muss Technologien investieren, die aber ansonsten wenig Synergien mit anderen Siemens-Sparten haben. Deshalb fühlt sich der Konzern zunehmend unwohl.

Fest steht: Osram wäre eine der größten Emissionen am deutschen Aktienmarkt seit langem. Und der Börsengang wäre ein Kompromiss: Osram-Chef Goetzeler könnte dadurch wie gewünscht Geld für Investitionen und Zukäufe hereinholen, und die Arbeitnehmer könnten darauf hoffen, dass vorerst kein größerer Stellenabbau droht. Bei einem Verkauf an einen Wettbewerber hätte das anders ausgesehen. Und die Veräußerung an einen Finanzinvestor galt als schwierig - wegen der Größe von Osram und wegen der schlechten Erfahrung von Siemens mit solchen Interessenten. "Ein Börsengang ist eine intelligente Lösung", glaubt ein Investmentbanker.

Öffentlichkeitswirksame Großprojekte

Osram wird bereits für den Börsengang schön gemacht: Vor einigen Wochen ging der Konzern auf den Finanzinvestor Barclays zu, um ihm die Firma Siteco, ein Anbieter für Lichtsysteme, für einen dreistelligen Millionen-Eurobetrag abzukaufen. Goetzeler will Osram stärker zu einem Systemanbieter entwickeln und setzt dabei auch auf öffentlichkeitswirksame Großprojekte wie die Ausrüstung eines WM-Stadions in Südafrika oder der Formel-1-Rennstrecke in Abu Dhabi. Die Aussichten sind gut: Der Verkauf von Leuchtdioden (LED) oder organischen LED soll sich weltweit bis 2012 verdreifachen.

Im Zuge der Vorbereitung für den Börsengang könnte es noch zu personellen Veränderungen bei Osram kommen, heißt es in Finanzkreisen. Es gilt zwar als abgemacht, dass Goetzeler die Firma weiter führt. Doch könnte das Management erweitert werden, ist zu vernehmen. Entscheidungen sind dazu aber noch nicht gefallen, und bis es soweit ist, dürfte es noch etwas dauern. Ein Börsengang gilt frühestens im Herbst als realistisch. Noch ist wohl nicht einmal eine Investmentbank beauftragt worden, obwohl die Berater aller großen Häuser schon mit den Füßen scharren und Siemens bereits Gespräche mit Banken führt.

Offen ist auch noch, wie viele Anteile Siemens überhaupt abgeben will. Selbst wenn der Mutterkonzern nur eine Minderheit an die Börse bringt, könnte er Milliarden einnehmen. Geld braucht Siemens allerdings nicht - der Technologiekonzern hat derzeit ausreichend Kapital in der Kasse.