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Medizintechnik:Siemens wagt größte Übernahme seiner Geschichte

FILE PHOTO: A workshop of computed tomography (CT) scanners of medical device firm Siemens Healthineers in Shanghai, China

Eine Fabrik von Siemens Healthineers in Shanghai.

(Foto: REUTERS)

Die Medizintechnik-Tochter Healthineers will für 16,4 Milliarden Dollar den US-Konzern Varian kaufen.

Von Thomas Fromm

Bislang galt die 7,6 Milliarden Dollar schwere Übernahme des US-amerikanischen Öl- und Gastechnikausrüsters Dresser Rand als größter Siemens-Zukauf. Das war vor sechs Jahren, in den USA boomte das Fracking-Geschäft, und die Münchner wollten vom Schiefergasboom profitieren.

Längst aber ist klar, dass der Konzern, der künftig verstärkt auf saubere und nachhaltigere Energieträger setzen will, damals mit sehr hohem Einsatz auf die falsche Technologie gesetzt hat. Weitaus zukunftsträchtiger dürfte dagegen der Zukauf sein, den die Münchner am Sonntag ankündigten: 16,4 Milliarden Dollar will die Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers für den US-Konzern Varian zahlen, um zu einem weltweit führenden Unternehmen in der Krebserkennung und -behandlung aufzusteigen. Und man kann mit Sicherheit sagen: Der Milliarden-Deal ist für Siemens der mit Abstand größte Kauf in der Unternehmensgeschichte.

Siemens beliefert Krankenhäuser und Arztpraxen mit medizintechnischen Apparaten wie Ultraschall- und Röntgengeräten oder Kernspintomographen. Mit der Übernahme von Varian will sich die Siemens-Tochter einen der weltweit führenden Hersteller von medizinischen Geräten für die Strahlentherapie sichern - und könnte so sämtliche Geräte aus einer Hand anbieten. Kliniken würden überall auf der Welt immer größer, heißt es am Unternehmenssitz in Erlangen. Da sei es von großem Vorteil, "das gesamte Spektrum" an Medizintechnik im Angebot zu haben. Erst vor wenigen Wochen sagte Healthineers-Chef Bernd Montag im SZ-Interview, man könne "Übernahmen tätigen", müsse es "aber nicht unbedingt". Derzeit wüchsen "verschiedene Bereiche der Medizin immer näher zusammen", deshalb könne man "zusammen mehr erreichen". Am Sonntag sagte er zum Kauf von Varian, mit Krebs nehme man sich "eine der entscheidenden Geißeln der Menschheit vor".

Die Varian-Aktionäre sollen 177,50 Dollar je Aktie erhalten; finanzieren will das im MDax notierte Siemens Healthineers die Übernahme zur Hälfte über Kredite und zur anderen Hälfte über Eigenkapital, das über die Ausgabe neuer Aktien hereinkommen soll. Da die Konzernmutter Siemens an dieser Kapitalerhöhung bei Healthineers nicht teilnehmen soll, würde der Anteil der Münchner an der Erlangener Tochter, die 2018 an die Börse gegangen war, von 85 Prozent auf rund 72 Prozent sinken. Da durch die Kapitalerhöhung insgesamt mehr Healthineers-Aktien am Markt sein werden, steigen auch die Chancen auf einen Dax-Aufstieg. "Ich bin sicher, dass durch die angekündigten Maßnahmen es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir in den Dax aufgenommen werden", sagte Montag. Siemens-Chef Joe Kaeser meinte, der Zukauf werde "Siemens Healthineers entscheidend voranbringen".

Das Unternehmen Varian Medical Systems stammt aus dem kalifornischen Palo Alto und wurde 1948 von den Brüdern Russell Harrison und Sigurd Fergus Varian gegründet. Schwerpunkt von Varian ist die Entwicklung neuer Krebsbehandlungen; das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben 10 000 Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Varian einen Umsatz von 3,2 Milliarden Dollar.

Siemens arbeitet schon seit 2012 in einer strategischen Partnerschaft mit den Amerikanern zusammen, dabei werden in der Krebsbehandlung die Röntgengeräte und Scanner von Healthineers mit den Therapiesystemen von Varian kombiniert. Der Kauf baue auf dieser Partnerschaft auf, so Siemens.

© SZ vom 03.08.2020

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