Schuldenkrise in Europa Spekulanten nehmen Spanien und Italien ins Visier

Die Zinsen für Italien und Spanien steigen enorm, die Märkte setzen die Schuldenstaaten wieder unter Druck. Die EZB denkt deswegen laut darüber nach, wieder radikal in den Markt einzugreifen - zum Entsetzen der Bundesbank.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Na also, geht doch. Die Finanzmärkte haben Italien am Donnerstag doch noch Geld geliehen, zu vergleichsweise hohen, aber doch noch stemmbaren Zinskonditionen. Auch Spaniens Kreditbedingungen haben sich leicht verbessert. Die nach Ostern plötzlich aufgekommene Angstwelle der Euro-Schuldenkrise? Über Nacht abgeflaut.

In den vergangenen Tagen waren die Zinsen für zehnjährige Anleihen der beiden südeuropäischen Staaten auf knapp sechs Prozent angestiegen - so hoch wie seit Januar nicht mehr. Das ist gefährlich, denn so verteuert sich die Schuldenlast der Länder. Die Regierungen sparen zwar, aber das sind lange Prozesse. Die Märkte agieren geduldlos kurzfristig.

Deshalb erhob die Europäische Zentralbank (EZB) das Wort. Man werde notfalls Stützungskäufe für Staatsanleihen wieder aufnehmen, warnte EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeure am Mittwoch die Märkte. 214 Milliarden Euro hat sie bereits in angeschlagene Euro-Bonds gesteckt. Der Franzose weiß, dass er damit Furcht streute in Bundesbankkreisen, wo man diese Maßnahmen nicht goutiert. Wochenlang waren sie ausgesetzt diese umstrittenen Bond-Käufe, sie sind es immer noch - denn die Worte Coeures haben gereicht, wie die erfolgreiche Kreditaufnahme Italiens am Donnerstag belegte. Vorerst.

Mancher unkt nun, die Entspannung werde nicht lange anhalten. Die Märkte seien irrational und würden demnächst wieder gegen den Euro wetten, dann müsse die EZB wieder Anleihen kaufen.

Die anderen kontern: Wieso diese Panik? Mehr Gelassenheit, bitte.

"Die Zinsen für Italien und Spanien sind doch gar nicht hoch im historischen Vergleich", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Der Stress an den Anleihemärkten könne heilsam sein, weil dadurch der Druck zu politischen Reformen beibehalten werde. "Doch die EZB hat eine Vollkaskomentalität, sie will die Zinsen viel zu niedrig halten. Dadurch, so Krämer, würden die politischen Reformen in den Krisen-Staaten gehemmt. "In Italien liegt die Arbeitsmarktreform deshalb auf Eis."

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank hält die Reformen in den angeschlagenen Euro-Staaten für historisch einmalig. So schnell habe sich in Demokratien noch nie so viel strukturell verändert. Und die Anleihemärkte? "Die Spekulanten aus New York und London leben ihren Spieltrieb aus, es geht darum, den Euro-Raum zu destabilisieren und Kapital in die USA umzuleiten", mutmaßt der Experte.

Die Euro-Krise, auch Ausdruck einer Intrige der Angelsachsen? Hellmeyer: "Nein, aber ein Machtspiel. Die wirtschaftlichen Reformen in Spanien sind umfassender als die in den USA." Finanzmärkte tendieren zu Übertreibungen, die Krisen der letzten Jahre haben verdeutlicht, dass sich Marktpreise vollkommen irrational entwickeln können. Die entscheidende Frage ist: Ab welchem Niveau sind die Zinsen für Staatskredite an Italien und Spanien also gefährlich und ungerechtfertigt hoch?

Muss die EZB im Ernstfall eingreifen?

Vorsorglich empfahl die EZB den Schuldnerstaaten am Donnerstag in ihrem Monatsbericht, noch mehr zu sparen und Haushaltsüberschüsse von mindestens vier Prozent zu erreichen. So weit ist es noch nicht, aber es gibt Hoffnung.

"Spanien ist auf gutem Wege, mittlerweile können Unternehmen dort wesentlich freier ihre Löhne setzen", sagt Krämer. "Die Handels- und Dienstleistungsbilanzdefizite in Spanien sind um 80 Prozent gefallen seit 2007, das Übergewicht der Baubranche in der spanischen Wirtschaft wurde reduziert", sagt Hellmeyer. Außerdem: Das italienische Privatvermögen liegt bei 8000 Milliarden Euro - eine schlichte Vermögensteuer könnte das dortige Staatsschuldenproblem lösen.

Viele Investoren rechnen damit, dass die EZB erst im Ernstfall ihr Anleihekaufprogramm wieder aufnehmen würde. Da droht neuer Ärger zwischen EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesbankchef Jens Weidmann über die Frage, wann der "Ernstfall" vorliegt.

"Kurzfristige Zinsbewegungen wie in den letzten Tagen haben nur marginalen Einfluss auf die Zahlungsfähigkeit Spaniens oder Italiens", sagt Hellmeyer. Gefährlich werde es erst, wenn die Zinsen über ein ganzes Jahr anstiegen.

Die EZB kann also noch cool bleiben.