Schifffahrt Die Arktisroute könnte die Kräfte im Welthandel verschieben

Die Reederei Maersk ist auf allen Weltmeeren unterwegs (hier vor Rotterdam). Nun soll ein Schiff des Unternehmens erstmals die Nordostpassage durchfahren.

(Foto: REUTERS)
  • Die Container-Reederei Maersk schickt ein Schiff durch die Nordostpassage von Asien nach Europa. Das Unternehmen spricht von einem Test.
  • Die Hürden für eine Nutzung der Nordostpassage sind in der Tat groß.
  • Mächtige Staaten wie China oder Russland haben allerdings strategisches Interesse an einer stärkeren Nutzung der Route.
Von Silke Bigalke, Stockholm, und Christoph Giesen, Peking

Eigentlich wollte Maersk, die größte Container-Reederei der Welt, die Fahrt gar nicht an die große Glocke hängen. Dabei steht eines ihrer Schiffe, die Venta Maersk vor einer ganz besonderen Reise: Zum ersten Mal probiert das Unternehmen mit ihr den nördlichen Seeweg von Wladiwostok nach Sankt Petersburg aus, die sogenannte Nordostpassage, und schickt Fracht durch den arktischen Ozean an der russischen Nordküste entlang. Es sei eine einmalige Testfahrt heißt es aus Kopenhagen, um eine unbekannte Route für die Containerschifffahrt zu erkunden. In den nächsten Tagen soll es losgehen.

Bereits seit einigen Jahren nimmt der Verkehr in der Arktis zu. Denn das polare Eis schmilzt und gibt häufiger und länger eine Route frei, die womöglich eine Alternative zum Suezkanal sein könnte. Den müssen Schiffe bisher auf ihren Wegen zwischen Asien und Europa passieren. Die Nordostpassage ist deutlich kürzer, das spart Zeit und Geld, jedenfalls theoretisch.

In der Praxis aber ist der Weg immer noch beschwerlich. Selbst in den sogenannten eisfreien Monaten können ihn nur Schiffe mit Eisklasse fahren, die über einen verstärkten Rumpf verfügen. Das allein begrenzt die Größe der Frachtschiffe. Meistens muss sie zusätzlich ein Eisbrecher begleiten. Die Venta Maersk wird zudem russische Experten an Bord haben, die der Arktis-unerfahrenen Crew mit der Navigation helfen.

Moskau möchte den Verkehr auf der Nordostpassage ausbauen, neue Eisbrecher bauen und Häfen renovieren. Der Hauptteil der Strecke liegt innerhalb der russischen Wirtschaftszone, wer sie befahren möchte, braucht vorher die Zustimmung der Behörden. Bisher sind die Zahlen überschaubar: Laut Statistik haben zwischen 2011 und 2016 etwa 220 Fracht- und Passagierschiffe verschiedener Nationalität den russischen Teil der Passage befahren. Doch erst im Mai setzte Präsident Wladimir Putin seine Ziele für die Route nach oben: Bis 2024 sollen 80 Millionen Tonnen Güter darüber verschifft werden.

Das sei nicht unmöglich, sagt Pavel Devyatkin, Wissenschaftler am Arktis-Institut in Washington. Ein neues Großprojekt im Norden Sibiriens sorge für viele Millionen Tonnen Fracht: Auf der Halbinsel Jamal produziert das russische Unternehmen Nowatek seit Ende 2017 Flüssig-Erdgas, sogenanntes LNG. Als Investoren beteiligen sich der russische Staatskonzern Gazprom, der französische Konzern Total - und der chinesische Energiekonzern CNPC zusammen mit dem staatseigenen chinesischen Seidenstraßen-Fonds. Zum Jamal-Projekt gehören auch 15 neue Tankschiffe, alle mit Eisklasse. Die ersten Tanker haben in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen gesorgt, als sie erstmals ohne Eisbrecherbegleitung Flüssig-Erdgas zuerst nach Europa und dann nach China brachten.

Die Arktis ist in China Chefsache, schon 2014 erklärte Staats- und Parteichef Xi Jinping, dass die Volksrepublik eine "polare Großmacht" werden wolle - ungeachtet der Tatsache, dass Chinas nördlichster Zipfel in etwa auf demselben Breitengrad wie Berlin liegt. Im Januar legte die Regierung dann ein erstes Papier vor, in dem sie ihre Arktis-Strategie umriss. China sei "eine fast arktische Nation" heißt es darin.