Streik bei Fluggesellschaft Ryanair hat es zu weit getrieben

Niedrige Grundgehälter, wenig Urlaub, unbezahlte Freistellungen - die Mitarbeiter bei Ryanair müssen vieles ertragen. Ihr Streik zeigt den Chefs, dass das bisherige Führungsmodell ausgedient hat.

Kommentar von Detlef Esslinger

Gelegentlich ist es ein einziger Satz, der alles verrät - in diesem Fall über die Dimension einer Auseinandersetzung. Am Mittwoch waren zwei Spitzenmanager von Ryanair aus Dublin nach Frankfurt gekommen. Nachdem die Vereinigung Cockpit für diesen Freitag ihren Streik angekündigt hatte, wollte die Fluggesellschaft der Pilotengewerkschaft die Bühne nicht alleine überlassen; was ein legitimes und verständliches Anliegen ist. Einer der zwei Manager von Ryanair gab an, manche der Standorte in Deutschland seien eher schwach. Er sagte: "Ein langwieriger Arbeitskampf könnte unser Geschäft ernsthaft beeinträchtigen und diese Standorte geschäftlich vernichten."

Der autokratische Führungsstil ist am Ende. Jetzt reden die Gewerkschaften mit

Das ist ein Satz, den man nicht missverstehen kann. Das ist eine Drohung, die anschloss an eine Ankündigung des Unternehmens vor ein paar Tagen: Wegen des Streiks der irischen Piloten sollen sechs Maschinen und die dazugehörigen Jobs von Irland nach Polen verlegt werden.

Die Führung von Ryanair mag inzwischen eingesehen haben, dass an Tarifverhandlungen mit Gewerkschaften kein Weg mehr vorbeiführt. Doch sie ist geprägt von der autokratischen Kultur, die sie seit einem Vierteljahrhundert pflegt. Der Arbeitgeber Ryanair hat die Arbeitsbedingungen seiner Beschäftigten immer einseitig festgelegt; er hat angehenden Flugbegleitern zugemutet, ihre firmeninterne Ausbildung selber zu bezahlen; er hat seine Piloten als Scheinselbständige beschäftigt.

Eine solche Kultur verschwindet nicht dadurch, dass man nun Gewerkschaften als Verhandlungspartner anerkennt. Also droht die Firma ihrem Personal in Deutschland: Wenn ihr streikt, streichen wir vielleicht eure Jobs.

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Wer sich mit Tarifkonflikten und Arbeitskämpfen nicht auskennt, mag eine solche Devise auf den ersten Blick für plausibel halten. Geht es einer Gewerkschaft bei einem Streik nicht darum, den Arbeitgeber wirtschaftlich zu schädigen? Fehlen die Einnahmen, die diesem dadurch entgehen, nicht anschließend auch bei der Bezahlung des Personals? Auf beide Fragen lautet die Antwort: ja, klar.

Streiks sind normales Betriebsrisiko

Doch eine Firma, die ein paar Tagen Streik ökonomisch nicht gewachsen wäre, hätte nicht ein Problem mit Gewerkschaften, sondern mit ihrem Geschäftsmodell. Streiks sind normales Betriebsrisiko, in allen Branchen. Es hat noch kein Stahlarbeiter, kein Postbote, kein Automechaniker, kein Lokführer seine Firma dadurch in grundsätzliche Schwierigkeiten gebracht, dass er sein demokratisches Recht in Anspruch nahm, für seine Interessen zu kämpfen.

Bei der Lufthansa endete im März 2017 ein wirklich erbitterter, fünf Jahre währender Tarifkonflikt mit den Piloten. Damit einher ging ein Rekordgewinn von 1,8 Milliarden Euro. Bei Ryanair schrumpfte der Gewinn im zweiten Quartal dieses Jahres zwar um 20 Prozent, unter anderem wegen Streiks. Aber für 319 Millionen Euro reichte es noch. Wenn Manager bei einem solchen Betrag unken, ein Streik könnte Standorte "geschäftlich vernichten", dann bringt dies zum Ausdruck, was sie in Wahrheit wollen: in Deutschland Geschäfte machen, dies aber allein auf Basis jener Regeln, die Ryanair daheim im Dublin-Kapitalismus weitgehend allein bestimmen konnte. In Irland gibt es kaum Gesetze, die das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern regeln, und ein Streik muss sieben Tage vorher angekündigt werden. Nicht, dass er womöglich Schäden anrichtet!

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Diese Art der Unternehmensführung kommt aber nun an ihr Ende, und dafür gibt es nur einen Grund: dass Piloten und Flugbegleiter sie sich nicht länger gefallen lassen. Gewerkschaften führen Tarifkonflikte ja nur dort, wo sie auch genügend Mitglieder haben, um den Arbeitgeber bei Bedarf mit Streik unter Druck setzen zu können. Wo sie keine oder nur wenige Mitglieder haben, sparen sie sich die Mühe; für Verhandlungen in einer solchen Konstellation hat das Bundesarbeitsgericht einst den Ausdruck "kollektive Bettelei" gefunden. Ryanair hat es deutlich zu weit getrieben: Arbeitsverträge auf Basis irischen Rechts, zu niedrige Grundgehälter, Urlaub nur nach den Vorgaben des Unternehmens, unbezahlte Freistellungen je nach Auslastung von Flugzeugen - letztlich war dies ganz offensichtlich ein Mitgliederwerbeprogramm für Gewerkschaften.

Billigflüge sind ein täglicher Beitrag zur Klimakatastrophe, sie haben ihren Preis

Die Manager sagen nun, gerne über die Struktur der Bezahlung verhandeln, jedoch keinerlei Erhöhung akzeptieren zu wollen. Dass indes die Gewerkschaft erst noch erfunden werden muss, die sich bei einer so steinreichen Firma mit einer Nullrunde zufriedengäbe: Das ist wahrscheinlich die nächste Lektion, die man in Dublin wird lernen müssen. Billigflüge sind ohnehin ein täglicher Beitrag zur Klimakatastrophe, sie haben ihren Preis. Ein Geschäftsmodell wie das von Ryanair ist daher noch unter ganz anderen Aspekten fragwürdig als nur unter der Frage, wie dort mit dem Personal umgegangen wird. Aber wenn jetzt wenigstens über die Rechte von Arbeitnehmern gesprochen wird, ist das auch schon etwas wert.

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