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Report:"Nicht sozial treffsicher"

Nach einer monate-, oft auch jahrelangen Wartezeit bekommt der Interessent dann höchstens zwei Wohnungsangebote. Groß oder luxuriös wohnt man nicht im Paradies: Eine Einzelperson bekommt eine Einzimmerwohnung, pro zusätzlicher Person kommt ein Wohnraum dazu. Dafür liegt die durchschnittliche Bestandsmiete für eine Gemeindewohnung laut Wiener Wohnen bei 6,30 Euro inklusive Betriebskosten. Und wer einmal drinnen ist, kann für immer bleiben, egal wie viel er verdient - und die Wohnung sogar an Verwandte weitergeben oder vererben.

Davon profitiert auch der Politiker Peter Pilz. Dass einer wie er, der im Monat 8700 Euro verdient, in einer spottbilligen Gemeindewohnung leben darf, ist für manche ein Skandal. Das System sei "nicht sozial treffsicher", finden etwa die konservative ÖVP oder der Österreichische Verband der Immobilienwirtschaft.

Martin Schenk vertritt von Berufs wegen die Ärmsten der Armen, er ist Sozialexperte und Mitgründer des NGO-Netzwerks Armutskonferenz. Nun sitzt er in einem Wiener Café und wägt zwei Positionen gegeneinander ab, die er "die gerechtigkeitstheoretische" und "die pragmatisch-soziologische" nennt. Die erste Position ist die der Kritiker, sie sieht so aus: Wenn die Stadt billige Wohnungen fördert, dann sollen sie den Ärmsten zugutekommen und nicht der Mittelschicht. Die zweite, die Position der Stadt, lautet: Indem man Gemeindewohnungen nicht nur an die Ärmsten, sondern auch an die Mittelschicht vergibt, fördert man die soziale Durchmischung und verhindert Ghettobildung.

"Ich verstehe die gerechtigkeitstheoretische Argumentation", sagt Martin Schenk, "aber ich neige zur pragmatischen Sicht." Viele Experten sehen es ähnlich. Wer nur die Ärmsten in kommunalen Anlagen einquartiere, erzeuge dort eine Abwärtsspirale, sagt Kathleen Scanlon, Forscherin an der London School of Economics und Mitautorin eines Buchs über sozialen Wohnbau in Europa. "Dann gibst du 40 Jahre später viel Geld aus, um das zu korrigieren."

Bürgermeister Seitz eröffnet den Goethehof

Der Goethehof damals: Am 1. Januar 1932 eröffnete Bürgermeister Karl Seitz die Wohnhausanlage.

(Foto: dpa)

Günstiger Wohnraum plus soziale Durchmischung

Auch wer diesem Argument folgt, fragt sich schnell: Wenn Wohlhabende schon im Gemeindebau leben, warum lässt die Stadt sie dann nicht angepasste - also höhere - Mieten zahlen? Die ÖVP will seit Jahren regelmäßige Einkommensprüfungen und Mieterhöhungen für Gutverdiener. Auch Peter Pilz setzte sich 2013 in der Wiener Zeitung dafür ein. "Ich würde gerne mehr zahlen", sagte er damals. Inzwischen hat er seine Meinung geändert: Der Verwaltungsaufwand für einkommensabhängige Mieten sei höher als die zusätzlichen Einnahmen. Renate Billeth von Wiener Wohnen nennt ein anderes Argument: "Auch Gemeindewohnungen unterliegen dem Mietrecht, bei einem unbefristeten Vertrag kann ich nicht einfach die Miete erhöhen."

Im Goethehof scheint der Plan der Stadt - günstiger Wohnraum plus soziale Durchmischung - aufzugehen. Auf der Bank am Kinderspielplatz sitzt eine alleinerziehende Köchin, die zuvor mit zwei Kindern auf 28 Quadratmetern gewohnt hat und deren Suche nach einer privaten Wohnung am Preis gescheitert ist. Ein paar Meter weiter trägt eine junge Frau im eleganten Mantel einen Blazer in einer Wäscherei-Plastikhülle vorbei, und in der Bücherei erzählt eine Krankenschwester, sie könne sich "definitiv" etwas anderes leisten, freue sich aber über die Ersparnis.

Aber der Goethehof ist nur begrenzt repräsentativ. Auch in Wien gibt es kommunale Wohnhäuser, die ein sehr unparadiesisches Image haben. Rufen die Namen Goethe- oder Karl-Marx-Hof bei Wienern Bilder von stolzen Arbeitern der guten alten Zeit hervor, so gelten die drei größten Gemeindebauten, die Großfeld-, die Rennbahn- und die Per-Albin-Hansson-Siedlung, erbaut zwischen 1966 und 1977, als die ärgsten Ghettos einer Stadt, die eigentlich keine Ghettos kennt.

Vier U-Bahn-Stationen stadtauswärts, vorbei an Bürotürmen und den Segelschiffen auf der Alten Donau, sind es vom Goethehof bis zu den Wohntürmen der Rennbahnsiedlung. Die Sonne scheint, Gulaschduft weht aus einem Fenster, im ersten Hof hören ein paar Zehnjährige elektronische Musik und versuchen sich dazu kichernd an Hip-Hop-Moves. Ein paar Meter weiter zieht eine junge Frau mit Sonnenbrille ihre Kopfhörer aus den Ohren und stemmt sich an der Leine gegen ihren Hund, der gerade wenig Lust auf Stehenbleiben hat.

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