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Immobilien:Die Zukunft des Wohnungsbaus liegt in der Luft

In München entsteht viel zu wenig Wohnraum im Vergleich dazu, wie schnell die Stadt wächst.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Münchens Oberbürgermeister will Parkplätze von Supermärkten überdachen.
  • Damit soll die Wohnungsnot in der bayerischen Landeshauptstadt bekämpft werden.
  • Seine Ideen hat er den Managern der Ladenketten schon vorgestellt - sie sind angetan von einer Idee.

Von Heiner Effern

Der Supermarkt-Gipfel findet im zweiten Stock des Rohbaus hinter einer Metalltür statt. Um ein paar Biertische herum sitzen die Männer, die das haben, was Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) so dringend sucht wie Wasser in der Wüste: Flächen für den Wohnungsbau. Genauer gesagt Parkplätze, über die schnell und unbürokratisch Appartements auf Stelzen errichtet werden können. Fast eine halbe Stunde umwirbt der OB die Manager von Lidl und Aldi, von Penny und Rewe, von Edeka und Basic. "Ich habe gesagt, ich bin für jede Idee offen, die uns in die Lage versetzt, mehr bezahlbaren Wohnraum schnell zu generieren", sagt der OB.

Dass er das nicht in seinem Büro mit Blick auf den Marienplatz erledigte, sondern im improvisierten Konferenzraum mit Blick auf das Dantebad im Münchner Norden, war natürlich reine Berechnung: Die Manager saßen im ersten Stelzenbau, der in München über einem Parkplatz entsteht, im Modellprojekt von Reiters Programm "Wohnen für alle". Erdacht im Herbst 2015, bis zum Rohbau fertiggestellt nicht mal ein Jahr später.

"Eine sehr spannende Sache. Es ist der Stadt gelungen, zu zeigen, dass man schnell Fakten schaffen kann", sagt Marek Franz, Immobilien-Manager bei Lidl. Er macht Reiter durchaus Hoffnung, dass sein Unternehmen mitziehen werde. Lidl hat nämlich bereits ein Konzept entwickelt, wie die Einkaufsmärkte der Zukunft in den Metropolen aussehen könnten. Den ebenerdigen Markt mit großem Parkplatz nebendran soll es hier nicht mehr geben.

"Das ist aufgrund des Platzmangels ein Auslaufmodell, wenn wir die richtigen Partner auf der öffentlichen, aber auch auf der privaten Seite finden", sagt Franz. Es gehe für Lidl darum, mehr Raum auf kleineren Flächen zu schaffen. "Wir können mit unserem Konzept aufständern und über dem Parkraum eine andere Nutzung umsetzen. Diesen Weg wollen wir sicher nutzen."

Auch Aldi kann sich grundsätzlich Wohnungen auf seinen Flächen in München vorstellen. "Die Bereitschaft ist voll da, da wollen wir den OB auch unterstützen", sagt Aldi-Manager Michael Klöter. Man müsse jedoch in jedem Einzelfall überprüfen, was möglich sei. "Der Kunde liebt ebenerdige Parkplätze, die muss man ihm immer anbieten." Einfach ein paar Stelzen setzen und darüber bauen - so einfach sei das nicht. Auch solche Gebäude bräuchten eine Erschließung über Treppen und Haustechnik. Der Flächenverlust auf Parkplätzen müsse so gering wie möglich ausfallen, sagt Klöter, die Kunden bräuchten Fahrgassen, und die Liefer-Lastwagen könnten auch nicht unter einem Stelzenbau durchfahren. Im Bestand könnte es deshalb schwierig werden, bei neuen Projekten aber könne man "ganz anders planen".

Oberbürgermeister Reiter will aber zuerst einmal konkret an die Parkplätze der Supermärkte, wenn er auch versteht, dass das für die Firmen manche Schwierigkeit bringt. Die Stadt werde flexibel und schnell reagieren, das verspricht er seinen Gästen. Reiter kann sich sogar vorstellen, dass Märkte während der Bauphase in Zelte ziehen. "Das hat es alles schon gegeben." Er sei prinzipiell auf eine große Bereitschaft gestoßen, schnelle und günstige Wohnungen zu schaffen. "Alle haben eigene Ideen und Pläne." Das sei wichtig, denn von solchen günstigen Ständerbauten könne es gar nicht genug geben; in ihnen zahlen Mieter wie am Dantebad 9,40 Euro kalt für die Miete. "Da könnte ich - darauf würde ich wetten - in einer Woche in München 5000 vermieten, wahrscheinlich sogar 10 000", sagt Reiter.

Reiter hat noch eine Alternative, die er den Einzelhandelsunternehmen anbieten will. "Es gibt eine zweite Idee, die wir besprochen haben: das komplette Überbauen der Märkte selbst. Da haben wir ganz viele eingeschossige. Auf die baut man zwei, drei Stockwerke drauf, um günstige Wohnungen zu erhalten." Allerdings muss Reiter einräumen, dass statische Probleme dies oft verhindern könnten. Die oft einfach gehaltenen Supermarktgebäude sind für weitere Etagen nicht ausgelegt.

Reiter hofft deshalb auch auf Neubauten. "Wenn ein Markt abgerissen wird und der Neubau mit zwei, drei Stockwerken darüber errichtet wird, ist das eine klassische Win-win-Situation." Lidl-Manager Franz hält das für möglich, verweist aber darauf, dass ein Unternehmen nicht gerade gebaute oder sanierte Märkte einstampfen können, um dann groß neu zu bauen. Wohnungsbau sei schön und gewollt, lässt er durchblicken, aber er müsse auch dem Konzern zugute kommen.

Sein Kollege Achim Latta von Rewe kann sich ebenfalls bei neuen Märkten vorstellen, die Parkplätze zu überbauen. "Aktuell laufen Planungen, bei denen wir genau mit solchen Ideen arbeiten. Parken und Handel im Erdgeschoss, und das Obergeschoss zieht sich über Stelzen über die Parkplätze hinaus", sagt Latta. Allerdings müsse man dafür die richtigen Investoren finden. "Wenn sich die Möglichkeit ergibt, werden wir das umsetzen."

Der Tag auf der Baustelle bringt viel Bereitschaft, aber nur allgemeine Zusagen, das weiß auch OB Reiter. Er will sich im Moment noch nicht festlegen, wie viele Wohnungen in München durch das Überbauen von Parkplätzen geschaffen werden könnten. Doch er hat die Manager gleich wieder eingeladen. "Wir werden uns in wenigen Wochen im Rathaus noch einmal über mehrere Stunden treffen, wo sie schon einzelne Projekte mitbringen werden.

© SZ vom 29.10.2016/imei

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