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Fachkräftemangel:Wie deutsche Asylgesetze einen Hotelier verzweifeln lassen

WIR REPORT

Am Müritzer See, wo Gunnar Redmers Hotel steht, lässt sich gut Urlaub machen.

(Foto: Antony Sojka)

Ein Unternehmer fürchtet um die Zukunft seines Hotels - ihm fehlen Mitarbeiter. Ein Ehepaar aus der Ostukraine darf er trotzdem nicht mehr beschäftigen. Ein Lehrstück über deutsche Asylpolitik in Zeiten des Fachkräftemangels.

Dann sagte dieser Sachbearbeiter auch noch, dass er ein Niemand sei. Die Wut huscht wie ein flüchtiger Schatten über das glatte Gesicht des Hotelbetreibers Gunnar Redmer, wenn er sich daran erinnert, wie dieser profillose Ausländerbehörden-Mensch ihn belehrt hat. "Er sagte: Herr Redmer, Sie sind weder Anwalt noch Prozessbeteiligter." Verschwinden Sie, sollte das heißen. Halten Sie sich raus aus dem Streit um die Arbeitserlaubnis der Eheleute Vorobyov. Kümmern Sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten. Was gehen Sie die geflüchteten Ukrainer mit abschlägigem Asylbescheid an? Das hat Gunnar Redmer so geärgert, dass er es immer wieder erzählt. Dieser Streit ist nämlich sehr wohl seine Angelegenheit. Er ist der Chef der Vorobyovs. Er braucht sie.

Zweierlei Umstände beschäftigen das reiche Deutschland in dieser Zeit. Menschen kommen, nachdem sie aus ihrer Heimat vor Krieg und Unterdrückung geflohen sind. Menschen fehlen, weil es in vielen Branchen mehr Arbeit als Personal gibt. Daraus müsste sich eigentlich eine sogenannte Win-win-Situation für die Zukunft basteln lassen. Vertreter der Wirtschaft mahnen das seit Jahren an. In Mecklenburg-Vorpommern, wo der Hotelier Redmer zu Hause ist, forderte die Vereinigung der Unternehmerverbände vor den Landtagswahlen 2016 unter anderem: "Asylbewerber besser beruflich integrieren". Und als Achim Dercks, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), kürzlich den neuesten Arbeitsmarktreport kommentierte, klang er wie der Botschafter einer düsteren Prophezeiung. "Der Fachkräftemangel ist inzwischen ein volkswirtschaftlicher Engpass. Und er ist auch der zentrale Engpass für viele politische Vorhaben in diesem Land."

Nach DIHK-Zahlen sehen mehr als 60 Prozent der deutschen Unternehmen den Fachkräftemangel als zentrales Geschäftsrisiko. Im Gastgewerbe sind es sogar 70 Prozent. "Nur mit inländischen Arbeitskräften lässt sich der Engpass nicht beheben", sagt Dercks und findet: "Erleichterungen bei der Zuwanderung sind nötig."

Der "Widerruf der Beschäftigungserlaubnis" brachte das Hotel in Schieflage

Aber der Hotelier Redmer aus Röbel an der Müritz spürt gerade wenig von Erleichterungen. Im Gegenteil. Seit Wochen rennt er durch den Dschungel der deutschen Bürokratie, telefoniert, schreibt Anträge, streitet, um die Arbeitskräfte zurückzubekommen, die ihm die Ausländerbehörde in Neubrandenburg am 13. Juli, einem Freitag, von jetzt auf nun weggenommen hat. Er ist nicht der einzige Unternehmer, der solche Erfahrungen macht. Gerade im Osten Mecklenburg-Vorpommerns, wo die rechten Strömungen stark sind, haben viele Betriebe den Eindruck, dass Deutschlands aktuelle Asylgesetzgebung immer wieder den Versuch erschwert, den Kampf um fehlende Arbeitskräfte mit der Integration von Geflüchteten zu verbinden. Diese Geschichte geht deshalb nicht nur die Vorobyovs, deren Anwalt und den Hotelier Redmer etwas an. Sondern alle, die auch in Zukunft in einer funktionierenden Konsumgesellschaft leben wollen.

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Gunnar Redmer fürchtet um das Fortbestehen seines Strandhotels.

(Foto: Antony Sojka)

Redmer sitzt im lichten Gastraum seines Hotels. Natalia Vorobyova und Alexander Vorobyov sind auch da. Es ist ein früher Sonntagnachmittag. Draußen scheint die Sonne, die meisten Gäste erholen sich am nahegelegenen Müritz-Strand oder genießen sonst wie die Natur der Mecklenburgischen Seenplatte. Es ist ruhig im Hotel, auch Redmer wirkt entspannt. Aber das täuscht. "Widerruf der Beschäftigungserlaubnis" lautete der Titel des Behördenbriefes aus Neubrandenburg, der ihm mit sofortiger Wirkung untersagte, die Vorobyovs weiter zu beschäftigen. Das hat seinen Betrieb in eine Schieflage gebracht. Natalia Vorobyova kümmerte sich jeden Morgen um das Frühstück für die Gäste. Alexander Vorobyov kellnerte abends im Restaurant.

Redmer kann sie nicht so schnell ersetzen, schon gar nicht in Zeiten des Fachkräftemangels. Also hat er ihre Schichten übernommen. Dazwischen erledigt er seine Pflichten als Hoteldirektor und streitet mit den Behörden. Freie Tage gibt es für ihn gerade nicht, und es sieht nicht so aus, als würde sich daran etwas ändern bis zum Ende der Saison im Oktober. Redmer lächelt müde. "Meine Krankenkasse freut sich, weil danach bin ich durch."

"Um Fachkräfte geht es gar nicht nur, es geht darum, Löcher zu stopfen."

Redmer ist kein Gutmensch. Er hat unternehmerische Interessen. Als die Vorobyovs mit ihren drei Kindern Anfang 2015 nach Röbel kamen, hatten er und seine Frau gerade das Strandhotel übernommen. Es war die Erfüllung ihres Traumes. Nach verschiedenen Stationen in der Tourismus-Branche waren sie endlich ihre eigenen Chefs. Allerdings brauchten sie Leute. Redmer nennt den Fachkräftemangel lieber Arbeitskräftemangel. "Um Fachkräfte geht es gar nicht nur, es geht darum, Löcher zu stopfen." Er war dankbar, als ihn eine Flüchtlingsbetreuerin auf die Vorobyovs aufmerksam machte. Redmer kontaktierte die Eheleute. Ihr Deutsch war noch schlecht. "Aber wir haben gleich gespürt, dass ein unheimlicher Wille da ist", sagt Redmer. Er stellte sie an.

Natalia Vorobyova ist blass und schön. Alexander Vorobyov hat ein rundes Gesicht und wirkt härter in seinen politischen Ansichten. Sie kommen aus Donezk in der Ostukraine, haben dort an der Universität Management studiert und arbeiteten in guten Jobs, sie als Buchhalterin, er als Manager im Großhandel. Aber in Donezk herrscht Krieg, prorussische Kräfte kämpfen um die Abspaltung der proklamierten Republiken Donezk und Luhansk. Die Familie geriet zwischen die Fronten. Eine Bombe zerstörte ihre Wohnung und alle persönlichen Dokumente. Als es passierte, waren die Vorobyovs bei Freunden zum Waschen, weil bei ihnen selbst die Wasserleitungen tot waren. Sie mussten weg.

Sie zogen zunächst in den Süden nach Mykolajiw, um den Wirren zu entgehen. Aber dort gab es Ärger. Europa-freundliche Ukrainer beschuldigten sie, auf russischer Seite zu kämpfen. "Ich bin kein Separatist", ruft Alexander Vorobyov empört. Wie viele aus dem Ostteil des Landes sind er und Natalia keine überzeugten Ukrainer. Russisch ist ihre Muttersprache, Ukrainisch haben sie in der Schule gelernt. "Für mich, Ukraine ist kein Land", sagt Natalia. Alexander nickt. Sie spürten, dass die Landsleute sie nicht akzeptierten. Also flüchteten sie nach Deutschland.