Urban Gardening:Experiment Gärtnern - ganz ohne Technik

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Auf das große Experiment Gärtnern haben sich auch David und Sabrina Löhring, beide 35, eingelassen. Nur ganz ohne Technik. Das Gartenreich des Ehepaars ist gerade zwei Meter breit und gut 20 Meter lang. Es liegt auf einem Feld direkt hinter dem Deich, der den Rhein zwischen Düsseldorf und Neuss in sein Flussbett zwängt.

Stadt der Zukunft

Innovativ wachsen Pflanzen und Buntbarsche gemeinsam im Farmsystem des Berliner Start-ups ECF.

(Foto: Stephanie Pilick/dpa)

Es ist Juli und fast unerträglich heiß, das Thermometer zeigt 32 Grad Celsius an. Die Sonne brennt auf den Acker, der in 90 kleine Parzellen unterteilt ist, eine davon bewirtschaftet das Paar aus Düsseldorf. Nur ein großer Kirschbaum am Rand spendet ein wenig Schatten.

Das ganze Feld ist mit einem Zaun aus Schnüren von den umliegenden Wiesen abgegrenzt. Vorn am Eingang steht ein unauffälliges Schild mit der Aufschrift "Ackerhelden". Ein dezenter Hinweis darauf, dass dies ein Mietacker der gleichnamigen Essener Firma ist. Sie vermietet die fertig bepflanzten Parzellen für eine Saison an Städter, alles garantiert bio, also ohne künstliche Düngemittel oder Pestizide. Äcker wie diesen vermarktet die Firma auch in München, Freiburg und anderen deutschen Städten.

Im Beet der Löhrings herrscht Ordnung. Kohlrabi, Salat, Lauch stehen in Reih und Glied. Der Spinat zeigt erste Blüten. "Den hätten wir früher ernten sollen. Wenn er anfängt zu blühen, wird er bitter, hat man uns gesagt", meint Sabrina Löhring, eine schlanke große Frau mit hellblonden Haaren, Lehrerin von Beruf. Ihren breitkrempigen Strohhut hat sie tief ins Gesicht gezogen. Bis auf den Spinat sei seither alles nach Plan gelaufen, meint ihr Mann David, ein robuster Typ mit Schiebermütze auf dem Kopf, in kurzen Shorts und weißem T-Shirt. Von den Ackerhelden haben sie eine umfassende Fibel bekommen, in der alles steht, was sie wissen müssen. Wenn dann doch noch Fragen bleiben, können sie das per Mail klären.

Den Kohlrabi habe er sogar auf Facebook gepostet, erzählt David Löhring

Mindestens zwei Mal in der Woche kommen die Löhrings hierher, meist mit den Rädern. Immer dabei: ein kleiner Eimer mit persönlichen Gartenutensilien und die Trinkflasche. Große Geräte wie Harken oder Spaten lagern in einer kleinen Hütte und können von allen genutzt werden. Von dem Projekt hätten sie aus der Zeitung erfahren, erzählt Sabrina Löhring.

Für 248 Euro haben sie sich für eine Saison ein Stück Acker gemietet.

"Das hier erinnert mich an meine Kindheit", sagt Thomas Löhring, "ich komme vom Land, meine Oma hat noch selbst Kartoffeln und Zwiebeln angebaut." Die beiden sind stolz auf ihre Ernteerfolge. Den ersten Kohlrabi habe er sogar auf Facebook gepostet, erzählt David Löhring.

In sechs Monaten wachsen auf ihrem kleinen Zipfel mehr als 30 Pflanzensorten heran. Der Mann, der den ganzen Acker im Frühjahr mit nur wenigen Helfern bepflanzt hat, heißt Tobias Paulert und ist knapp 40 Jahre alt. Dass er kräftig anpacken kann, verrät ein Blick auf seine Hände. Ein paar Tausend Pflänzchen seien da schon zusammengekommen, sagt er. Paulert ist einer der Gründer der Ackerhelden. Auf den Feldern in und um den Ruhrpott und in Braunschweig legen Paulert und sein Geschäftspartner Birger Brock oft selbst Hand an. Weiter weg übernehmen das Vertragspartner. Brock und Paulert sind seit ihrer Jugend befreundet, schon im Schulgarten haben sie gemeinsam gegärtnert. "Das hat großen Spaß gemacht", sagt Paulert. Doch dann ging es erst mal anders weiter, beide studierten Sportwissenschaften und Marketing und machten in unterschiedlichen Firmen Karriere.

Urban Gardening: Sabrina Löhring mag es traditionell. Sie hat bei den Ackerhelden eine bepflanzte Parzelle gemietet.

Sabrina Löhring mag es traditionell. Sie hat bei den Ackerhelden eine bepflanzte Parzelle gemietet.

(Foto: Silvia Liebrich)

"Die Massen kann man so nicht ernähren, das ist auch nicht unser Ziel."

Vor drei Jahren beschlossen die Freunde, wieder gemeinsam in der Erde zu wühlen und daraus ein Geschäft zu machen. Sie gaben ihre gut bezahlten Jobs auf und wurden die Ackerhelden. "Anfangs sind wir auf viel Kopfschütteln und Unverständnis gestoßen", sagt Paulert. Die ersten Beete legten sie 2013 Berlin und Mönchengladbach an, dann folgte Bremerhaven. Geld von der Bank gab es nicht, auch weil beide keine Sicherheit zu bieten haben. Das Land, das sie vermieten, haben sie von Ökobauern gepachtet. Also haben sie ihre privaten Ersparnisse investiert.

Bis heute machen die Ackerhelden noch keine Gewinne.

Sie leben von der Substanz. "Im nächsten Jahr wollen wir erstmals die Gewinnzone erreichen, dann sollen es bundesweit etwa 20 Standorte sein", meint Paulert. Viel Arbeit macht die Bio-Zertifizierung. Über jede einzelne Pflanze auf dem Acker muss akribisch Buch geführt werden. Dass sie mit diesem Geschäft nicht reich werden, sei ihnen von Anfang an klar gewesen, sagt Paulert, "Äcker sind eben kein standardisierbares Industrieprodukt, da können wir nur langsam wachsen".

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