Bericht der Bundesregierung Immer mehr Ältere in Minijobs oder arbeitslos

Um ihre Rente aufzubessern, trägt diese 72-Jährige Zeitungen aus.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die Bundesregierung will altersgerechtes Arbeiten ermöglichen. Sie stellt fest, dass immer mehr Menschen im Alter von 60 bis 64 Jahren erwerbstätig sind.
  • Sie arbeiten aber oft nur in Minijobs. Das kann das spätere Renteneinkommen sogar schmälern.
  • Das sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnis in rentennahen Jahrgängen ist nach wie vor eher selten.
Von Thomas Öchsner

Die Rente mit 67 rückt näher. Jahr für Jahr steigt das Alter für den Eintritt in die Rente, bis 2031 die neue Regelaltersgrenze mit 67 Jahren erreicht ist. Für die Bundesregierung ist deshalb klar: "Es gilt, die Arbeitswelt altersgerechter zu gestalten und stärker auf die Fähigkeiten, Kompetenzen und Bedürfnisse älterer Arbeitnehmer auszurichten." So steht es in dem Bericht zur Anhebung der Regelaltersgrenze. Darin muss die Bundesregierung alle vier Jahre prüfen, wie es klappt mit der Einführung der Rente mit 67.

In dem Bericht, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) Ende 2018 vorgelegt hat, lobt sich die Regierung selbst. "Die Erwerbsbeteiligung der älteren Arbeitnehmer hat sich in den vergangenen Jahren ausgesprochen dynamisch entwickelt", heißt es in der Analyse. Und die Zahlen, die das Ministerium darin präsentiert, sind in der Tat beeindruckend: 2017 waren fast 60 Prozent der 60- bis 64-Jährigen erwerbstätig. Im Jahr 2000 traf dies auf gerade einmal 20 Prozent zu. Im selben Zeitraum ist die Zahl der Arbeitnehmer im Alter von 60 bis 64 Jahren, die einen sozialabgabenpflichtigen Job haben, um 1,5 Millionen auf 2,1 Millionen gestiegen. Läuft also alles gut?

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Besonders die Einführung einer Grundrente sei "seit Langem überfällig". Auch die Vorschläge der Parteivorsitzenden Nahles nennt er richtig.

Markus Kurth, Sprecher für Rentenpolitik bei den Grünen im Bundestag, hat in einer Anfrage nachgehakt, um "die Dunkelbereiche des Übergangs vom Erwerbsleben in den Ruhestand zu beleuchten". Die fast 70 Seiten starke Antwort des Arbeitsministeriums offenbart, dass der Beschäftigungsboom bei den Älteren auch Schattenseiten hat. So hat der Anteil der 55-bis 65-jährigen Arbeitslosen stark zugenommen, und das nicht nur, weil die Bevölkerung älter wird. Außerdem ist das sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnis in den rentennahen Jahrgängen nach wie vor ein Modell für eine Minderheit.

Die Antwort der Bundesregierung, der vor allem Zahlen der Bundesagentur für Arbeit und der Deutschen Rentenversicherung zu Grunde liegen, zeigt eindeutig: Mit zunehmenden Alter werden reguläre Vollzeitjobs seltener. Mit 64 sind zum Beispiel noch 360 000 Menschen in Deutschland erwerbstätig oder offiziell auf Arbeitssuche, aber nicht einmal ein Drittel hat noch einen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob. Die Mehrheit arbeitet Teilzeit, hat einen Minijob oder ist arbeitslos. Überhaupt ist nach Angaben des Ministeriums der Anteil der Minijobber in den Jahrgängen kurz vor Eintritt in den Ruhestand hoch.

Ein paar Jahre Teilzeit können zu empfindlichen Einbußen bei den Rentenansprüchen führen

Etwa die Hälfte aller Erwerbspersonen im Alter von 64 und 65 Jahren arbeitet im Minijob. Das kann daran liegen, dass sie nichts anderes finden oder, etwa aus gesundheitlichen Gründen, nicht mehr schaffen - mit negativen Folgen für die Rentenansprüche. "Minijobs und kleine Teilzeitbeschäftigung am Ende des Arbeitslebens können empfindliche Lücken reißen, da gerade die letzten Jahre vor dem Renteneintritt nicht unwichtig für die Höhe des späteren Alterseinkommens sind", sagt Kurth. Besonders stark war der Anstieg der 63- bis 65-jährigen Minijobber aber von 2014 bis 2015, ausgerechnet in der Zeit, als die abschlagsfreie Rente mit 63 eingeführt wurde. Dies könnte darauf hindeuten, dass Nutznießer der Rente mit 63 ihren Ruhestand gern mit einem Minijob kombinieren, um sich ein Zubrot dazuzuverdienen. Die Rente mit 63 ist sehr beliebt, dadurch steigen auch die Kosten. Laut einer Berechnung des Münchner Ifo-Instituts wird diese Form der Frührente teurer als gedacht. Von 2014 bis 2016 seien direkte Mehrausgaben von 6,5 Milliarden Euro entstanden, teilte das Ifo-Institut mit. Die Bundesregierung hatte in ihrem Gesetzentwurf nur fünf Milliarden Euro erwartet.

Grünen-Rentenpolitiker Kurth ist auch ein Gegner der Rente mit 63. Die Rente mit 67 müsse aber durch präventive Weiterbildung und berufsbegleitende Rehabilitation besser abgefedert werden. "Nicht zuletzt müssen auch die Arbeitgeber bessere Voraussetzungen für einen längeren Verbleib im Berufsleben schaffen", sagt der Abgeordnete.

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