Arbeitswelt:Deutsche wollen früh in den Ruhestand

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Coronavirus - Innenstadt in Lübbecke Menschen gehen durch die Fußgängerzone der Stadt Lübbecke. Foto: Kirchner-Media/Wed

Die Befragung zeigt, wie populär die Position von SPD, FDP und Grünen ist, die für eine Ampel-Regierung eine weitere Erhöhung des Rentenalters ausschließen.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Viele Berufstätige halten sich für geistig und körperlich nicht in der Lage, bis zum Rentenalter zu arbeiten - und fürchten sich gleichzeitig vor Geldnot im Alter.

Von Alexander Hagelüken

Die gesetzliche Rente hat ein Finanzproblem. Während nach dem Zweiten Weltkrieg sechs Arbeitnehmer einen Ruheständler finanzierten, stehen bald pro Senior/-in nur noch zwei zur Verfügung. Eine Befragung zeigt nun, dass jeder zweite Bürger im Alter Geldmangel fürchtet - aber die meisten trotzdem so früh wie möglich den Job verlassen wollen.

Zu diesem durchaus widersprüchlichen Befund gehört, dass die Mehrheit der Berufstätigen nicht mal bis 63 Jahre arbeiten will. Wer früh ausscheidet, muss in der Regel kräftige Abschläge von den gesetzlichen Altersbezügen hinnehmen. Dabei glauben die Bürger gleichzeitig mehrheitlich: Das Geld wird im Alter selbst dann nicht ausreichen, wenn sie zum regulären Rentenalter in den Ruhestand gehen, das in mehreren Stufen auf 67 Jahre ansteigt.

"Die Ergebnisse zeigen, dass wir nicht ausreichend auf den demografischen Wandel vorbereitet sind", sagt Frank Böhringer vom Demographie Netzwerk von Firmen und Institutionen, das die Befragung beauftragte. "Wir brauchen ernsthaft eine Debatte, wie und wovon Leute im Alter leben sollen." Die Daten demonstrieren, wie populär die Position von SPD, FDP und Grünen ist, die für eine Ampel-Regierung eine weitere Erhöhung des Rentenalters ausschließen.

Aufschlussreich ist, wie die Befragten sich selbst sehen. Drei Viertel der Berufstätigen halten sich für geistig und körperlich nicht in der Lage, bis zum Rentenalter 67 oder länger zu arbeiten. Die meisten ziehen die Grenze schon bei 65. Von den Arbeitern glauben 90 Prozent, dass es unter den bisherigen Umständen nicht länger geht.

Anders würden es die Berufstätigen einschätzen, wenn sich etwas an ihrem Job ändern würde. So gab mehr als die Hälfte der Arbeiter an, sie wollten länger arbeiten, wenn die körperliche Belastung und der Stress reduziert würden. Weitere Motivationsfaktoren quer durch alle Berufstätigen: flexiblere Arbeitszeiten, mehr Gehalt und Wertschätzung durch Vorgesetzte. Nur jeder Vierte wäre durch gar keine Verbesserung zu motivieren, länger zu arbeiten.

Wer lange arbeiten soll, braucht gute Arbeitsbedingungen

"Will man Menschen länger im Erwerbsleben halten, müssen die Arbeitsbedingungen vielerorts verbessert werden", schließt Hans Martin Hasselhorn von der Universität Wuppertal. "Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt für Politik und Firmen. Nach unseren Berechnungen hat jeder dritte Babyboomer in Deutschland schlechte Arbeit." Das dürfe nicht länger toleriert werden, findet der Arbeitswissenschaftler.

Das demografische Ausdünnen der Arbeitnehmerschaft bedeutet, dass die Unternehmen die Entwicklung genau verfolgen. "Die Wucht dieses gesellschaftlichen Umbruchs wird Unternehmen in den nächsten fünf Jahren voll treffen", meint Frank Böhringer vom Netzwerk. Firmen und Sozialpartner bräuchten angesichts des Fachkräftemangels schleunigst tragfähige Konzepte und Initiativen, um die Zukunft der Arbeit neu zu gestalten.

Der Wirtschaftspsychologe Jürgen Deller von der Universität Lüneburg hebt hervor, dass der frühe Ausstieg aus dem Beruf nicht das einzige Ergebnis der Umfrage sei. So spricht sich jeder elfte Berufstätige dafür aus, über das gesetzliche Rentenalter hinaus zu arbeiten. Generell nimmt mit höherer Qualifikation der Wunsch zu, länger im Beruf zu bleiben. Jeder vierte Akademiker hält sich sogar für fit genug, seinem Beruf länger als bis 69 nachzugehen.

"Dadurch erleben wir eine paradoxe Situation: Während viele nicht mehr können oder wollen, werden andere regelrecht daran gehindert, ihre Arbeitskraft weiter einzubringen", beobachtet Deller. "Die Schlussfolgerung daraus: Unternehmen sollten Arbeit viel individueller gestalten und an unterschiedliche Lebenssituationen anpassen, als es bislang geschieht." Dazu gelte es, das Potenzial derer zu nutzen, die länger arbeiten können und Lust haben. Die Unternehmen sollten genauso aktiv um Ältere werben, wie sie dies um junge Talente tun.

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