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Reform der Arbeitsvermittlung:Wo das deutsche Jobwunder herkommt

Noch vor wenigen Jahren galt Deutschland als der kranke Mann Europas. Heute staunen die Nachbarländer über die geringe Arbeitslosigkeit hierzulande. Wie kommt's? Das deutsche Jobwunder hat Kehrseiten.

Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik werden die Zukunft Europas entscheiden. Was treibt Spaniens protestierende Jugend an? Wie können Bildungssysteme voneinander lernen? Was wird aus dem Bologna-Prozess? Die Süddeutsche Zeitung widmet diesen Fragen ein Dossier, das in Zusammenarbeit mit El País , The Guardian , Gazeta Wyborcza , La Stampa und Le Monde entstanden ist. Das Dossier finden Sie auf dieser Seite.

Wo gibt es Jobs in Europa? Klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen.

Im Pleitestaat Griechenland werden mehr und mehr Menschen erwerbslos. In Spanien und Frankreich suchen junge Leute verzweifelt einen Job. Selbst in den Niederlanden, einst ein europäischer Musterstaat, nimmt die Arbeitslosigkeit zu. Nur in Deutschland trotzt das German Miracle den Krisenzeiten. Voller Bewunderung staunt die Welt über das sogenannte deutsche Jobwunder.

In Europas Wirtschaftsmacht Nummer eins lag die Zahl der Arbeitslosen im April 2012 bei knapp unter drei Millionen. Die Arbeitslosenquote betrug 7,0 Prozent, in der Eurozone sind es 10,8 Prozent. Mehr als 41 Millionen Menschen sind erwerbstätig - so viele wie noch nie in der wiedervereinigten Bundesrepublik.

Ein Wunder? Mitnichten. Deutschland hat wie einige andere Länder zuvor die Arbeitsvermittlung reformiert, aber das ist nur ein Teil der Erfolgsgeschichte. Es ist gerade einmal zehn Jahre her, da gab es in Deutschland noch Arbeitsämter. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder bezeichnete die Bundesanstalt für Arbeit als seine "größte Baustelle". Deutschland galt als "kranker Mann Europas".

Schröder setzte mit den Hartz-Reformen den radikalen Umbau durch. Die ehemalige Bundesanstalt entwickelte sich zur vielleicht modernsten Behörde Deutschlands, effizient organisiert wie ein Unternehmen. Die Arbeitsämter wurden zu Agenturen, in dem die Vorgesetzten alles daran messen, wie schnell es gelingt, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Die Regierung legte 2005 Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammen. Wer keine Ansprüche mehr aus der Arbeitslosenversicherung hat und langzeitarbeitslos ist, bekommt nur noch Hartz IV, also 374 Euro für einen Alleinstehenden plus Mietkosten. Das hat die Bereitschaft gesteigert, auch schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. "Die Bewerber sind zu mehr Kompromissen hinsichtlich Lohn und Arbeitsbedingungen bereit", sagt der Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller.

Neu sind seit 2005 auch die Jobcenter, die sich um die Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger kümmern. Wer hier erstmals auftaucht, wird genau durchleuchtet. Profiling heißt das im Fachjargon, wie bei der Kriminalpolizei. Möglichst alles soll auf den Tisch, die Vorgeschichte der Arbeitslosigkeit, die Ausbildung, Krankheiten, Suchtprobleme, bis ein Profil entsteht. Um die besonders schweren Fälle, diejenigen mit mehreren Vermittlungshemmnissen, kümmern sich die Fallmanager.