Recycling Das neue Verpackungsgesetz gehört in die Tonne

(Foto: Jessy Asmus)

Es hätte ein großer Tag für den Umweltschutz in Deutschland werden können. Doch es kam anders.

Kommentar von Vivien Timmler

Auch Mitglieder des Bundesrats trennen ihren Abfall. Sie sortieren Papier zu Papier, Glas zu Glas, Verpackung zu Verpackung, zumindest im Idealfall. Wie viele Bürger dürften sie dabei bemerkt haben, dass all das in Deutschland ziemlich kompliziert ist. Mal ist für Verpackungsabfälle ein gelber Sack vorgesehen, mal eine gelbe Tonne, mal eine orangefarbene und in manchen Kommunen sollen die Verbraucher ihre Kartons und Folien lieber gleich zum Wertstoffcontainer karren. Trotzdem hat der Bundesrat an diesem Freitag ein Verpackungsgesetz verabschiedet, das an diesem Zustand überhaupt nichts ändert. Das ist schlecht für die Umwelt.

Der Bundesrat hätte das neue Gesetz zu einer Errungenschaft machen müssen. Richtig wäre es gewesen, dass ganz Deutschland eine einheitliche Wertstofftonne bekommt. Viel zu vielen Menschen ist unklar, was eigentlich in den gelben Sack gehört oder in eins seiner Pendants. Ebenso unklar ist, was mit jenen Materialien zu tun ist, die zwar aus Plastik sind, aber keine Verpackungen. Nur für Verpackungen ist das System gedacht. Manche entsorgen aber auch Bratpfannen, Sonnenschirmständer oder Barbiepuppen in den gelben Sack.

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Eine Wertstofftonne, in die man alles werfen darf, hätte dieses Problem gelöst. Stattdessen verlassen sich Bund und Länder darauf, dass die Recycling-Quoten schon irgendwie steigen werden, wenn sie die zuständigen Entsorgungsfirmen nur dazu verpflichten. So soll die Quote bei Kunststoff von derzeit 36 Prozent bis 2022 auf 63 Prozent steigen, bei Metallen, Papier und Glas sogar auf 90 Prozent.

Diese Quoten sind aber utopisch. Sie sind nicht zu erreichen, weiß jeder Abfallingenieur. Deutschland gilt zwar mit seiner Recycling-Technologie in Europa als Vorreiter, doch das reicht nicht. Allein schon die Statistik ist dubios. Als recycelt gilt alles, was in einer Recyclinganlage ankommt - selbst wenn sich bei der Sortierung herausstellt, dass der gelieferte Müll gar nicht wiederverwertet werden kann und verfeuert werden muss.

Der Verbraucher muss es allein schaffen, Müll zu vermeiden - Hilfe wird er nicht bekommen

Außerdem lenkt die Debatte über die Quote vom eigentlichen Problem ab. Die angeblich so vorbildlichen Deutschen produzieren in Wahrheit so viel Verpackungsabfälle wie kein anderes Land in Europa, 220 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Mehr als 2,8 Milliarden Coffee-to-go-Becher landen jährlich in der Tonne, pro Jahr kaufen die Deutschen etwa 17 Milliarden Einweg-Pfandflaschen.

Jeder Verbraucher muss endlich seinen eigenen Konsum hinterfragen und häufiger auf Mehrwegalternativen zurückgreifen. Denn die sind umweltfreundlicher.

Doch dieser Appell reicht nicht. Der Verbraucher schafft es nicht allein. Hier muss die Regierung eingreifen. Deutschland braucht eine Abgabe auf jeden Einweg-Becher, damit der Konsum zurückgeht. Das hat schon bei Zigaretten gut funktioniert. Außerdem sollte es eine Strafe geben für alle, die ihren gelben Sack falsch befüllen. Sie erschweren nicht nur den Verwertern ihren Job, sondern schaden der Umwelt. Und schließlich müssen alle Getränke mit einem Pfand belegt werden und nicht nur kohlensäurehaltige Nektare und Mischgetränke mit hohem Molkeanteil, wie es das lasche neue Verpackungsgesetz vorschreibt.

Deutschland muss keine plastikfreie Gesellschaft werden. Wie viel Plastik man verwendet, kann jeder Einzelne für sich entscheiden. Ein Modell für 82 Millionen ist der komplette Verzicht auf Plastik nicht. Es muss jedoch Aufgabe eines Verpackungsgesetzes sein, diesen Abfall spürbar zu reduzieren. Und dafür ist das Gesetz viel zu lasch.

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