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Putin: Plädoyer für Wirtschaftsgemeinschaft:Wie Helmut Kohl vor 20 Jahren

Der Weg zu diesem Ziel wird offensichtlich etappenweise zu beschreiten sein und recht lange dauern. Als gleichberechtigte Partner werden Russland und die EU jeweils ihren Teil des Weges zueinander meistern müssen. Jedoch ist es ebenfalls offensichtlich, dass diese Arbeit nicht hinausgeschoben und die Zeit durch nicht enden wollende diplomatische Formalitäten nicht vertan werden darf.

Es sei betont: Russland hat kein Interesse an einer schwachen oder zerstrittenen Europäischen Union, weil dadurch indirekt auch der internationale Einfluss Russlands verringert worden wäre, und unsere Möglichkeiten schrumpfen würden, sich auf einen Partner verlassen zu können, der ähnliche, mitunter vollkommen übereinstimmende Interessen vertritt.

Die Annäherung zwischen Russland und der EU kann unmöglich gegen jemanden gerichtet sein und verlangt keinerlei Abschwächung der Beziehungen zu traditionellen Partnern und Verbündeten. Die erneuerten Prinzipien unseres Zusammenwirkens könnten wir im Grundlagenabkommen zwischen Russland und der EU verankern, an welchem jetzt gearbeitet wird. Dieses Vertragswerk ist mit einem strategischen Ansatz anzugehen. Wir sollten es versuchen, 20 bis 30 Jahre, ja 50 Jahre vorauszudenken.

Zum Schluss darf ich in Erinnerung rufen: 1990 traf der deutsche Kanzler Helmut Kohl eine sehr mutige Entscheidung: nicht abzuwarten, bis die DDR bereit sein würde, Teil eines vereinigten Deutschlands zu werden, sondern sich unverzüglich zu vereinen, damit Ost und West in Deutschland beim folgenden Prozess der beiderseitigen Eingewöhnung auf das Miteinander und der Lösung von gemeinsamen Aufgaben das Zusammenleben wieder erlernen könnten.

Die Geschichte bekräftigte die Richtigkeit solch eines entschlossenen Schrittes. Heute, unter neuen geschichtlichen Umständen, bietet sich uns die Chance, ein einheitliches und prosperierendes Europa aufzubauen. Setzen wir uns dieses Ziel, wird die Kompromissgestaltung in konkreten Fragen viel einfacher gelingen.

Mancher mag die in diesem Artikel geschilderten Überlegungen als zu anspruchsvoll bezeichnen. Doch in der heutigen Welt wird auch das möglich, was zuerst nur wie ein Traum anmutet. Gemeinsam konnten wir uns mehrmals davon überzeugen. Es gilt jetzt, schlicht und einfach die Ärmel hochzukrempeln und die Arbeit anzupacken.