Putin: Plädoyer für Wirtschaftsgemeinschaft Für eine abgestimmte Energiepolitik

Gerade deshalb stellten sich viele europäische Energieversorger und viele europäische Regierungen, auch die Bundesregierung, hinter die russischen Pläne, Gas-Pipelines durch die Ostsee (Nord Stream) und das Schwarze Meer (South Stream) zu bauen. Nach der Inbetriebnahme dieser Gasleitungen wird der europäische Kontinent ein diversifiziertes und flexibles System der Erdgasversorgung bekommen. Es steht für mich außer Zweifel, dass dann alle künstlichen Probleme im Energiebereich der Vergangenheit angehören werden.

Von ausschlaggebender Bedeutung ist unsere Lernfähigkeit, nicht in Worten, sondern in Taten, unsere gegenseitigen strategischen Interessen zu berücksichtigen. Das lässt sich aber nicht über die Logik des "Dritten Energie-Pakets" der EU sagen. Bei allen guten Vorsätzen führt es große Risiken für die europäische Energiewirtschaft herbei und entkräftet den Willen der Investoren, in neue Projekte zu investieren. Im Ergebnis könnte es dazu kommen, dass, statt die Vorteile eines wettbewerbsfähigen Marktes zu genießen, wir in einigen Jahren mit einer verfallenen Infrastruktur, Knappheit der Energieträger und folglich hohen Preisen für die europäischen Verbraucher zu tun haben werden.

Erinnert sei daran, dass es die schlecht durchdachte Liberalisierung der Finanzmärkte war, die zum maßgeblichen Mitauslöser der Finanzkrise wurde. Es mag wohl niemandem daran gelegen sein, dass das Scheitern der Regulierungen in der Erdgasbranche eine neue Krise, nun aber im Energiebereich, entfacht. Es ist meine Überzeugung, dass das Leben selbst zur Gestaltung der gleichberechtigten und ausgewogenen Beziehungen zwischen den Lieferanten, Verbrauchern und Transitstaaten der Energieressourcen zurückzwingt. Die Etablierung solcher Beziehungen ist der eigentliche Sinn des neuen, von Russland angeregten Energievertrages.

Mittels der Verknüpfung unserer Bemühungen bekommen wir die Möglichkeit, nicht nur mit Energieressourcen zu handeln, sondern auch Aktiva auszutauschen und in allen Phasen der technologischen Wertschöpfungskette - von der Erkundung über die Förderung von Energieressourcen bis hin zu den Lieferungen an Endverbraucher - zusammenzuarbeiten. Außerdem rufen wir zur Zusammenarbeit bei der Personalausbildung für den Energiebereich und beim Aufbau der Engineeringzentren, bei der Umsetzung von Projekten auf den Gebieten der Energieeffizienz, der Energieeinsparung und der Nutzung der erneuerbaren Energiequellen auf.

Viertens: Ohne eine entwickelte Industrie ist kein Fortschritt in der europäischen Bildung und Forschung möglich. Bereits jetzt entscheiden sich talentierte junge Leute viel weniger - und das gilt sowohl für Russland, als auch für die EU - für technische Berufe. Sie sehen für sich keine Zukunft als Ingenieure oder Facharbeiter und entscheiden sich für andere Fachrichtungen, die mitunter eine geringere Qualifikation erfordern. Es hätte uns noch gefehlt, wenn, den Produktionsstätten folgend, nun auch Entwicklungsbüros und Engineeringfirmen aufbrechen und unseren Kontinent verlassen würden.