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Private Krankenversicherungen:"Die private Krankenversicherung ist auf Dauer kein tragfähiges Geschäftsmodell"

Die Bertelsmann-Stiftung ließ das auf Gesundheitsfragen spezialisierte Iges-Institut Anfang des Jahres schon mal vorrechnen: Demnach könnten Bund und Länder bis 2030 etwa 60 Milliarden Euro sparen, wenn der Staat nicht mehr über die Beihilfe die Krankheitskosten seiner privat versicherten Beamten und Pensionäre tragen müsste und die Staatsdiener stattdessen gesetzlich krankenversichert wären.

Verfassungsrechtlich steht die Abschaffung der PKV allerdings auf wackligem Boden: Der Deutsche Beamtenbund argumentiert, dass die Beihilfe "zum Gesamtpaket der Alimentation von Beamten durch den Dienstherrn gehört". Hier zu kürzen, stehe dem Alimentationsprinzip entgegen, schrieb kürzlich auch Gregor Thüsing, einer der führenden Arbeitsrechtler in Deutschland. Man müsse den Vertrauensschutz beachten, wenn man in bestehende Vertragsbeziehungen eingreife. Für den Bonner Juristen ist klar: Ein Übergang zu einer Bürgerversicherung wäre "eine Frage sehr langfristiger Perspektive".

Kleinlein hält es ebenfalls für politisch äußerst schwierig, die Bürgerversicherung durchzusetzen. "Erstens fehlen dafür politische Mehrheiten." Zweitens gebe es für die praktische Umsetzung "noch keine wirklich überzeugende Strategie". Dies gelte nicht nur für die Frage, was das für die Alimentierung der Beamten bedeutet. Ungeklärt sei auch, was mit den Altersrückstellungen dann passiere. Der BdV-Chef glaubt deshalb nicht, "dass die Bürgerversicherung in absehbarer Zeit kommt".

So gibt man sich selbst im PKV-Verband bei dieser Frage betont gelassen: Es könne sein, dass die Verfechter eines Einheitssystems die Bürgerversicherung im Wahlkampf wieder einmal aufgreifen. "Doch dieser Ladenhüter dürfte auch diesmal wenig Anklang finden", sagt der PKV-Sprecher. Er verweist darauf, "dass die Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem heute historische Spitzenwerte erreicht". Zugleich warnt der Verband davor, Berichte über extreme Beitragserhöhungen zu verallgemeinern. Nur gut fünf Prozent aller privat Vollversicherten hätten 2013 überhaupt Beiträge von mehr als 600 Euro gezahlt, von den 60-Jährigen nur 1,6 Prozent, von den 80-Jährigen nur 0,2 Prozent.

Rückendeckung erhielt die PKV kürzlich vom unabhängigen Branchendienst Map-Report, der 17 private Krankenversicherer mit einem Marktanteil von 65 Prozent untersuchte. Bei diesen erhöhten sich die Beiträge seit dem Jahr 2000 um durchschnittlich jährlich 3,9 Prozent - das entspricht in etwa den Steigerungen in der gesetzlichen Krankenversicherung.

BdV-Chef Kleinlein sieht trotz solcher Zahlen die Zukunft der Branche düster: "Die private Krankenversicherung ist auf Dauer kein tragfähiges Geschäftsmodell", sagt er. Sie werde aber "vorerst irgendwie weiter existieren, auch wenn sie weder für Investoren noch für die Kunden derzeit sonderlich attraktiv ist".

Die Deutsche Krankenversicherung wirbt am Ende ihres Briefes an den Kunden Müller trotzdem mit dem Slogan: "Ich vertrau der DKV." Den allermeisten Versicherten wird auch gar nichts anderes übrig bleiben.

© SZ vom 25.04.2017
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