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Prestigeprojekt der Deutschen Bahn:Boris Palmer hofft auf Einsehen der Bahn

Auch Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister von Tübingen und einer der Wortführer der Bahnhofsgegner, hält sechs Milliarden Euro "eher für die Unterkante" der Kosten. Dass die Bahn damit jetzt an die Öffentlichkeit geht, verwundere ihn nicht: "Überraschend an den neuen Zahlen ist nur, dass die Bahn die Probleme jetzt in diesem Umfang zugibt. Dass es sie gibt, wissen wir schon seit der Schlichtung", sagt Palmer im Gespräch mit SZ.de.

Die Bahn habe das Projekt nicht im Griff. "Ich hoffe, dass sie erkennt, dass sie sich mit dem Projekt selbst überfordert und dringend benötigte Finanzmittel, etwa für neue ICE-Züge, in Stuttgart sinnlos vergraben würde", sagt Palmer.

Ein Einsehen der Bahn, die kürzlich vor Zugausfällen im Winter gewarnt hat, weil Siemens dringend benötigte Züge nicht rechtzeitig liefert, ist nicht in Sicht. Auch die anderen Träger mauern.

Am Montag hatte das Verkehrsministerium in Berlin abgelehnt, sich an Mehrkosten zu beteiligen. Die Bundesregierung ist vor allem an der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm beteiligt, für die sie mehr als 500 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat.

Das Land Baden-Württemberg wird ebenfalls nicht mehr zahlen. Das liegt vor allem an den Grünen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Ihre Glaubwürdigkeit hängt an dem Kostendeckel. "Die Bahn kann nicht auf eine Beteiligung des Landes hoffen. Das weiß sie nicht erst seit gestern. Das weiß sie von Anfang an", sagte Kretschmann am Dienstag. Er gab auch zu verstehen, der Bau befinde sich an einem Punkt, an dem noch nichts unumkehrbar sei.

Auch Kretschmanns kleinerer Koalitionspartner zeigt keine Bereitschaft, Mehrkosten zu tragen. Nachdem die Bahn die neuen Zahlen verkündet hatte, sagte der SPD-Landtagsfraktionschef und S21-Befürworter Claus Schmiedel: "Das ist Sache der Bahn."

Die Bahn will zwar nach eigenem Bekunden auf jeden Fall weiterbauen lassen - aber die neuen Kosten will sie nicht allein tragen. Dabei stellt sich ihr die Frage, bis zu welchem Punkt sich das Projekt überhaupt noch lohnt. 2009 hatte Bahnchef Rüdiger Grube gesagt, betriebswirtschaftlich rechne sich Stuttgart 21 für sein Unternehmen nur bis zu Kosten von 4,7 Milliarden Euro.

© Süddeutsche.de/jab/mikö

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