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Volkswagen:Was Piëchs Tod für VW bedeutet

Ferdinand Piech

Ferdinand Piëch (hier bei der VW-Hauptversammlung 2014) hat sich schon vor vier Jahren aus allen Ämtern bei VW zurückgezogen. Doch sein Erbe wirkte nach.

(Foto: picture alliance / dpa)

Keiner hat den Konzern so geprägt wie Ferdinand Piëch - auch nach seinem Rückzug blieb er gefürchtet. Wer tritt nun sein Erbe an? Und wie geht es weiter mit der Aufklärung der Abgasaffäre?

Zuletzt hat Ferdinand Piëch ein Leben abseits der Öffentlichkeit geführt. Die meiste Zeit verbrachte er in seinem Anwesen in prächtiger Hanglage über Salzburg. Nur wenige hatten noch direkten Zugang zu dem Mann, der Deutschlands größten Autokonzern Volkswagen geprägt hat wie kein anderer. Am Sonntagabend ist Ferdinand Piëch gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie hat Piëch Volkswagen verändert?

Als Ferdinand Piëch 1993 Vorstandschef bei Volkswagen wurde, befand sich das Unternehmen in einer schweren Krise, kämpfte mit hohen Verlusten und Qualitätsproblemen. Der detailversessene Ingenieur Piëch brachte das Unternehmen auf Kurs, zuvor hatte er Ähnliches bei der in den 80er-Jahren darbenden Tochterfirma Audi geschafft. In Wolfsburg zog er die Gewerkschaften auf seine Seite, weil er unter anderem durch die Einführung der Vier-Tage-Woche Tausende Arbeitsplätze rettete. Auch seine konstruktive Rolle bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit rechnete ihm die IG Metall hoch an. Sonst aber regierte er mit harter Hand, gerade beim Management. Piëchs Wort war Gesetz - und er war erfolgreich. Unter seiner Ägide wuchs Volkswagen zum Weltkonzern, er kaufte zahlreiche andere Marken auf, heute gehören zwölf verschiedene zum VW-Imperium. 2002 wechselte er an die Spitze des Aufsichtsrats. Seinen Einfluss schmälerte das aber nicht, er trieb etwa das Baukastensystem voran, durch das in vielen Modellen gleiche Teile stecken. Piëchs vielleicht größter privater Triumph war, als nach jahrelanger Übernahmeschlacht 2012 Volkswagen Porsche übernehmen konnte.

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Seine größte Niederlage: Der verlorene Machtkampf gegen Martin Winterkorn 2015. Piëch verließ den Konzern im Zorn, zu einer Aussöhnung kam es nie.

Welchen Einfluss hatte er eigentlich noch bei VW?

Piëch prägte das Unternehmen nachhaltig, im Guten wie im Schlechten. Das lag an seiner Detailversessenheit, aber auch an seinem Mitspracherecht und seiner verwandtschaftlichen Bande: Seine Mutter Louise war Tochter von Ferdinand Porsche, dem Begründer der Sportwagenfirma und des Volkswagenwerks in Wolfsburg. Das zusammengenommen nutzte er, um faktisch als Alleinherrscher zu regieren - mit Folgen für die Konzernkultur. Widerspruch war bei Volkswagen nicht besonders gefragt, das Eingeständnis von Problemen auch nicht. Auch wenn die Hintergründe des Betrugs um manipulierte Dieselmotoren noch immer nicht restlos geklärt sind, scheint doch klar: Dieses Umfeld war auf jeden Fall ein Faktor, der den Betrug begünstigt hat. Darüber hinaus sind aber viele von Piëchs Ideen immer noch prägend für den Konzern: Der Börsengang der Lastwagensparte in diesem Jahr etwa war ursprünglich Piëchs Erfindung gewesen.

Was bedeutet Piëchs Tod für die Aufklärung der Abgasaffäre?

Volkswagen's CEO Winterkorn Piech chairman of the supervisory board and his wife Ursula attend Frankfurt Motor Show

Was ist zwischen diesen Männern passiert? Der damalige VW-Vorstandschef Martin Winterkorn (Mitte) und Ferdinand Piëch im September 2013 bei der Automesse IAA in Frankfurt. Links im Bild: Piëchs Ehefrau Ursula.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Der einstige Patriarch Piëch hatte im Zuge der Ermittlungen den früheren VW-Vorstandschef Martin Winterkorn schwer belastet. Unter anderem hatte er ausgesagt, dass er Winterkorn auf mögliche Unstimmigkeiten bei den Abgaswerten angesprochen habe, zudem behauptete Piëch, die Thematik sei auch im Präsidium des Aufsichtsrats besprochen worden. Er widersprach damit Winterkorns Darstellung, vor dem Herbst 2015, als der Betrug ans Licht kam, nichts von manipulierten Motoren gewusst zu haben. Diese Aussage Piëchs könnte trotz seines Todes theoretisch für die Prozesse verwendet und zum Beispiel im Gerichtssaal verlesen werden. Allerdings haben alle anderen Beteiligten, auch die Mitglieder des Präsidiums des Aufsichtsrats, Piëchs Darstellung widersprochen. Es steht also zumindest die Möglichkeit im Raum, dass Piëch sich mit seiner Aussage vor allem an Winterkorn rächen wollte. Dementsprechend werden Ermittler und Staatsanwaltschaft Piëchs Aussagen keine allzu große Bedeutung zuschreiben - es ist also unwahrscheinlich, dass sein Tod den Ausgang der juristischen Aufarbeitung der Affäre maßgeblich beeinflusst.

Gibt es nun noch Piëchs in der Firma?

Den finanziellen Einfluss auf Volkswagen hielt Piëch wie die ganze Familie über die Finanzholding Porsche SE. 14,7 Prozent der Stammaktien hielt er bis vor zwei Jahren, bis er sich endgültig überworfen hatte mit den wichtigsten Entscheidern bei Volkswagen und den Protagonisten des anderen Familienzweigs, der Familie Porsche. Für 1,1 Milliarden Euro überließ er diesen Anteil seinem Bruder Hans Michel Piëch. Der ist neben Familiensprecher Wolfgang Porsche nun bestimmender Eigentümer; zudem gibt es noch einige Kinder der beiden in den Aufsichtsräten, prägend ist diese vierte Generation noch nicht. Das System ist also gleich, aber keiner hat mehr so ein dominantes Ego wie Ferdinand Piëch - und keiner hat so viel automobilen Sachverstand wie er. Dabei wäre der gefragt, schließlich gibt es viele relevante Fragen zu besprechen, etwa: Ist der aktuelle Kurs von Volkswagen richtig, allein auf Elektromobilität zu setzen?

Wer erbt sein Vermögen?

In einer Mitteilung, die ein Anwalt der Familie im Namen von Piëchs Witwe Ursula verbreitete, hieß es, der verstorbene Automobilmanager hinterlasse "eine große Familie mit 13 Kindern und über doppelt so vielen Enkelkindern". In relevanten VW-Gremien ist von ihnen niemand mehr. Indes war die Zahl 13 selbst für intime Piëch-Kenner eine Überraschung - bisher waren nur zwölf Kinder von vier verschiedenen Frauen öffentlich bekannt. Darunter ist etwa Nando Piëch, der in Stuttgart Immobiliengeschäfte macht. Oder Anton Piëch, der jüngst auf der Genfer Autoshow einen eigenen Sportwagen präsentierte, für den sich der Vater partout nicht interessieren wollte. Als sich Ferdinand Piëch 2006 eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der Wirtschaftswoche lieferte, gab er sogar eine eidesstattliche Versicherung ab: Er habe zwölf Kinder. Unklar ist deshalb, ob Piëch nach oder im Jahr 2006 noch ein Kind bekommen, ob er eine weitere Vaterschaft anerkannt hat oder ob seine eidesstattliche Versicherung damals schlicht falsch war. Der Anwalt ließ eine Anfrage dazu zunächst unbeantwortet. Klar ist jedenfalls: Piëch selbst sah seine Ehefrau Ursula als legitime Verwalterin seines Erbes. 2012 veranlasste er sogar ihre Berufung in den Aufsichtsrat - das Mandat legte sie wie ihr Mann 2015 zurück, als sich Piëch mit dem Konzern überwarf.

Welche Bedeutung hatte er für die Autoindustrie?

Ferdinand Piëch brillierte häufig nicht nur durch technische Fachkenntnis, sondern auch durch strategische Weitsicht. Das machte ihn vielleicht nicht besonders beliebt, aber in außergewöhnlichem Maß respektiert. Sogar Martin Winterkorn, mit dem er in den vergangenen Jahren verfeindet war, findet nun anerkennende Worte: Die gemeinsame Arbeit mit Ferdinand Piëch sei "stets freundschaftlich und inspirierend" gewesen. "Für seine Unterstützung war und bin ich ihm sehr dankbar." Die Fehde der vergangenen Jahre spielt da plötzlich keine Rolle mehr. Anerkennung gibt es auch von anderen Unternehmen: Daimler-Vorstandschef Ola Källenius formuliert recht pointiert: Mit Ferdinand Piëch gehe "eine äußerst facettenreiche Persönlichkeit". Elmar Degenhart, Vorstandschef von Continental, befindet, Piëch habe mit seinem ausgeprägten technischen Verständnis "einen großen Beitrag für den Wohlstand hierzulande geschaffen". Versöhnlich zeigt sich auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil: Der tiefe Respekt für Piëchs Leistung bleibe unberührt davon, dass man die Zusammenarbeit 2015 "unter schwierigen Bedingungen" habe beenden müssen. Und der aktuelle Volkswagen-Chef Herbert Diess erinnert sich, wie Piëch technisch mit seinen Entwicklerteams immer wieder an die Grenzen des Machbaren gegangen sei: vom ersten Ein-Liter-Auto der Welt bis zum Bugatti Veyron mit 1001 PS. Piëch habe "Qualität und Perfektion bis ins Detail in den Automobilbau gebracht."

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