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Annemarie Leniger: "Wir Frauen müssen uns mehr gegenseitig helfen. Es reicht nicht, sich auf das Fachliche zu konzentrieren."

(Foto: oh)

Annemarie Leniger ist Geschäftsführerin der Ostfriesischen Tee Gesellschaft. Sie ist der Meinung, dass Frauen sich mehr vernetzen sollten.

Von Francesca Polistina

Der Tag beginnt wie erwartet mit einer guten Tasse Tee, in letzter Zeit der Bio-Sorte Orange und Mandarine. Dann wird gemacht, was halt Führungskräfte machen: Zeitungen lesen, mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen reden, Entscheidungen treffen. Und sonst? Sonst ist "jeder Tag anders", sagt Annemarie Leniger. Was nach einer Floskel klingt, ist in Wahrheit der Grund, warum sie ihren Job so gerne macht. Leniger ist Geschäftsführerin der Ostfriesischen Tee Gesellschaft (OTG), die man aus dem Supermarkt durch Marken wie Milford, Meßmer und seit Kurzem auch Yasashi kennt. Und falls sich jemand an dieser Stelle fragt, wie der Tee sich in der Pandemie bisher verkaufte, hier die Antwort: sehr gut sogar.

Annemarie Leniger, 56, kommt aus Ostwestfalen-Lippe und ist studierte Betriebswirtin. Obwohl sie schon immer Teeliebhaberin war, begann sie ihre Laufbahn bei Tchibo, also beim Kaffee. Was damals noch Zufall war, wurde später zur bewussten Entscheidung, in der Lebensmittelbranche zu bleiben, die sie spannend und interessant zugleich findet. "Ich bin ein Genussmensch", sagt sie in der Videoschalte. Nach Tchibo kamen Stationen bei anderen Firmen, seit elf Jahren ist sie nun bei der OTG, wo sie für die Bereiche Tee-Einkauf, Qualitätssicherung und Marketing zuständig ist. In der Geschäftsführung sitzt sie nicht allein, sondern als einzige Frau neben drei Kollegen. Wobei wir schon beim nächsten Thema sind, das Leniger am Herzen liegt: die Frauenförderung.

"Ich bin mittlerweile sehr froh, dass es die Frauenquoten gibt", sagt Leniger. Vor vielen Jahren hatte sie eine andere Meinung, dann aber, als sie noch woanders arbeitete, sagte man ihr, als Frau hätte sie es bis an die Spitze nicht schaffen können. Heute versucht sie, sich privat und über Veranstaltungen mit anderen Managerinnen zu vernetzen, denn: "Wir Frauen müssen uns mehr gegenseitig helfen. Es reicht nicht, sich auf das Fachliche zu konzentrieren. Männer sind deutlich bessere Netzwerker." Flexible Arbeitsmodelle bewertet sie positiv, auch um den Bedürfnissen junger Eltern entgegenzukommen: "Wir haben eine Vertrauensarbeitszeit, denn ich bin fest davon überzeugt, dass wir fürs Denken bezahlt werden, nicht für die Anwesenheit." Eine inklusivere Unternehmenskultur sei auch einer der Gründe, warum sie mit der OTG, die lange von einem Mann und einer Frau geführt wurde, zufrieden ist. Die anderen Gründe sind: "Die Wertvorstellungen eines Familienunternehmens und die Nachhaltigkeit".

"Immer mehr Menschen setzen auf Nachhaltigkeit und wollen wissen, wo ihr Tee herkommt."

Nachhaltigkeit ist kein einfaches Thema, wenn man mit Tee handelt und Rohwaren aus mehr als 90 Ländern importiert, meistens aus Afrika und Asien. Der Entwicklungsorganisation Oxfam zufolge arbeiten die Menschen unter anderem in den Teeplantagen im indischen Assam unter katastrophalen Bedingungen, und deutsche Firmen nehmen "Menschenrechtsverletzungen in Kauf". Mit dem Thema wurde Leniger schon mehrmals konfrontiert: "Wir kaufen circa 0,1 Prozent von dem, was in Assam verkauft wird und haben wenig Einfluss auf die Löhne, die nicht in jeder Plantage, sondern von der örtlichen Regierung, den Eigentümern der Teegärten und den Gewerkschaften bindend ausgehandelt werden", sagt sie. Ihr Unternehmen habe den Anspruch, verantwortungsvoll zu handeln, etwa durch Nachhaltigkeitsprojekte wie die Finanzierung eines Wasserversorgungsnetzes oder den Anbau von Rohwaren, die für Kleinbauern rentabler sind. Auch weil die Konsumenten es fördern. "Immer mehr Menschen setzen auf Nachhaltigkeit und wollen wissen, wo ihr Tee herkommt." Der Tee, so Leniger, sei nicht nur Tradition, sondern zum Lifestyle geworden.

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