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Historischer Einbruch:Ölpreis rutscht erstmals ins Negative

Eine Ölförderpumpe im kalifornischen Signal Hill.

(Foto: AFP)
  • In den USA wird wegen Corona nur noch halb so viel Benzin gekauft.
  • Auffällig ist jedoch, dass der amerikanische WTI-Ölpreis dieser Tage deutlich stärker sinkt als der Preis der europäischen Schwestersorte Brent-Öl.
  • Während die europäische Standardsorte gestern lediglich rund neun Prozent nachgab, kippte der WTI-Preis ins Negative.
  • Die US-Regierung will offenbar ihre nationalen Öl-Reserven auffüllen.

Wie sich die Verhältnisse am Ölmarkt verkehren könnten, hatte Pierre Andurand wohl vorausgeahnt. Von London aus managt der Mittvierziger mit den Geheimratsecken einen Hedgefonds für Öl, noch am Montagmorgen hatte Andurand seine düstere Vision auf Twitter notiert: "Negative Ölpreise sind möglich", schrieb der Geldprofi.

Dass es am Ende weniger als 24 Stunden brauchen würde, bis der Preis für amerikanisches Öl der Sorte WTI ins Negative kippt, hätte Andurand wohl nicht gedacht. Sein breites Kreuz braucht der einstige Profisportler nun auch beruflich, Andurand und andere Ölhändler müssen jetzt ziemlich stark sein. Denn am Montagabend stürzte der Preis für ein Fass der Ölsorte WTI ins Minus. Nachdem ein Fass am Morgen noch mehr als 18 Dollar gekostet hatte, war der WTI-Preis über den Tag kollabiert.

Dollar um Dollar, Cent um Cent. Erst sank der Preis unter zehn Dollar, am frühen Montagabend war ein Fass des US-Öls dann nicht einmal mehr einen Dollar wert. Am Ende rutschte der Preis um kurz nach 20 Uhr deutscher Zeit gar ins Negative. In der Spitze kostete ein Fass WTI-Öl minus 40 Dollar. Im Klartext: Ölhändler mussten dafür zahlen, dass ihnen überhaupt noch jemand den schmierigen Rohstoff abkauft. Vom Öl als sprichwörtlichem schwarzem Gold konnte keine Rede mehr sein. "Das schreckt viele psychologisch auf", sagt Ölexperte Eugen Weinberg von der Commerzbank. Im frühen Geschäft am Dienstag notierte WTI-Öl mit etwas mehr als einem Dollar dann wieder leicht im Plus.

Dass der Ölpreis so in sich zusammenfällt, erzählt einerseits viel über die Weltwirtschaft, die derzeit eine Vollbremsung erlebt. Wenn Fabriken nicht mehr produzieren und Flieger nicht mehr fliegen, braucht es weniger Öl: In den USA wird wegen Corona nur noch halb so viel Benzin gekauft, die Nachfrage nach Flugzeugbenzin ist um mehr als 70 Prozent eingebrochen.

Nickende Pferde sorgen für ein Debakel am Ölmarkt

Auffällig ist jedoch, dass der amerikanische WTI-Ölpreis dieser Tage deutlich stärker sinkt als der Preis der europäischen Schwestersorte Brent-Öl. Während die europäische Standardsorte gestern lediglich rund neun Prozent nachgab, kippte der WTI-Preis ins Negative. Rechnerisch zeigten die Finanzcomputer dort auf Tagessicht gar ein Minus von mehr als 300 Prozent an.

Woher diese Lücke am Ölmarkt kommt, war unter Experten am Montag buchstäblich die Preisfrage. Die Antwort liegt in zwei Faktoren begründet, die dieser Tage die beiden wichtigsten Ölnotierungen der Welt immer weiter auseinandertreiben. Einerseits holen die amerikanischen Schieferölförderer Tag um Tag immer noch Millionen Fass des schwarzen Rohstoffs aus der Tiefe. Weil aber kaum noch jemand das Öl braucht, füllen sich in manchen Regionen die Öllager in Rekordgeschwindigkeit.

"Ende Mai wird es kritisch", sagt Ölexperte Eugen Weinberg. Dann könnten manche Produzenten schlicht nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Öl. "Und die Amerikaner können es ja rein geografisch nicht so einfach wie Russen oder Saudis mit Pipelines in andere Länder bringen", sagt Ölexpertin Gabriele Widmann von der Deka-Bank.

Wer nun aber verstehen will, warum der WTI-Preis deswegen gar ins Negative kippte, der muss die Finessen des modernen Ölmarkts verstehen. Der Standardölpreis für die Sorte WTI kommt an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex zustande, am sogenannten Terminmarkt. Die Ölhändler handeln dort lediglich mit Finanzpapieren, sogenannten Futures. Im Klartext: Diese Vehikel geben den Rohstoffhändlern das Anrecht, sich in der Zukunft Öl liefern zu lassen. Wer das Öl im Mai braucht, kann einen Mai-Kontrakt kaufen. Wer es im Juni benötigt, ein Juni-Papier.

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Doch nun kam am Montag Hektik auf: Am jetzigen Dienstag läuft schließlich eine wichtige Frist am Ölmarkt aus. Wer an diesem Stichtag noch ein Mai-Papier in seinen Büchern hat, der bekommt den Rohstoff Ende Mai wohl oder übel ausgeliefert. Und das wollten die Händler um jeden Preis verhindern, denn akut braucht niemand dieses Öl. Außerdem gibt es kaum noch Platz in den Lagern, um das Öl für bessere Zeiten zu bunkern. Viele Händler verkauften deswegen schnell ihre Mai-Papiere, um das Öl unter keinen Umständen geliefert zu bekommen. Das Prinzip: Koste es, was es wolle.

Dazu kamen wohl Spekulanten, die nie vorhatten, sich das Öl liefern zu lassen. Sie hatten am Ende offenbar schlicht den richtigen Zeitpunkt verpasst, ihre Öl-Papiere noch zu verkaufen. Je näher der Uhrzeiger dem Stichtag rückte, desto drängender wurde es - und desto stärker kippte der Preis des WTI-Öls für Mai ins Negative. Der Preis für Juni-Öl der Sorte WTI gab jedoch nur leicht nach und hielt sich selbst am Abend im Positiven bei etwa 20 Dollar. Die Händler gehen also offenbar davon aus, dass sich die Situation bis Ende Juni erholen könnte. Anleger sollten die Aufruhr daher nicht überbewerten. Ölkenner Weinberg jedenfalls gibt sich gelassen: "Es ist nur eine Zahl."

Die US-Regierung will den extrem niedrigen Ölpreis nutzen, um ihre strategischen Reserven aufzufüllen. Es sei geplant, dafür bis zu 75 Millionen Fässer Rohöl zu kaufen, sagte Präsident Donald Trump im Weißen Haus. Er werde den Kongress um die nötigen Mittel bitten, damit sich die Regierung den "Niedrigpreis-Rekord" am Ölmarkt zunutze machen könne, sagte er. "Es ist eine tolle Zeit, Öl zu kaufen", so Trump.

© SZ.de/hgn
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