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Nahaufnahme:Den Himmel im Blick

"Der Gedanke, dass wir eine neue Erde suchen und dass vielleicht auch woanders Leben existiert, ist sehr schön."

(Foto: oh)

Chiara Pedersoli ist bei der Raumfahrtfirma OHB in den Vorstand aufgerückt. Die gebürtige Italienerin wollte schon mit sechs Jahren Raumfahrtingenieurin werden.

Schon früh stand für Chiara Pedersoli fest, womit sie ihr Leben verbringen will: "Ich habe mit sechs entschieden, dass ich Raumfahrtingenieurin werden wollte", erzählt sie heute. Drei Jahre später kam der nächste Beschluss: "Als ich neun war, habe ich gesagt, meine Karriere als Astronautin endet hier." Grund: Sie kann in fast keinem Fahrzeug mitfahren, ohne dass ihr übel wird. Den Pilotenschein machte sie trotzdem, "solange ich selbst geflogen bin, war alles okay".

Dies lässt sich wohl nicht eins zu eins auf das Berufsleben übertragen, doch nun kann sie auch bei der Raumfahrtfirma OHB den Kurs vorgeben. Seit gut einem Monat ist die 46-Jährige Vorstand für den Bereich Engineering - den Begriff Vorständin mag sie nicht. Pedersoli ist zuständig für etwa 1000 Mitarbeiter, ein Drittel der Menschen, die für das börsennotierte Familienunternehmen aus Bremen arbeiten.

Im Grunde ist die ganze Branche wie eine große Familie. Das merkt die Italienerin aus Brescia auch daran, dass sie bereits in mehreren Firmen für das Navigationssystem Galileo gearbeitet hat, das OHB nun baut. "Ich habe vor 16 Jahren den zweiten experimentellen Galileo-Satelliten bei Airbus mit entwickelt, das war sehr spannend", sagt sie. Später schnappte OHB dem Konzern den Auftrag weg. "Deswegen ist es jetzt schön, in einer anderen Rolle in der Produktionsphase dabei zu sein." Pedersoli arbeitet bereits seit 2010 bei OHB, in wechselnden Managementpositionen - auch für den Wettersatelliten Meteosat. "Das hat für immer einen speziellen Platz in meinem Herzen", schwärmt sie. Von 2021 an soll die dritte Generation der Wettersatelliten starten, OHB liefert Komponenten.

Auch wenn die Managerin in den Vorstand aufgerückt ist, will sie nicht missen, was sie an der Uni Mailand studiert hat: an der Entwicklung von Raumfahrzeugen teilzunehmen. "Das ist für mich sehr wichtig, um nah dran zu bleiben", sagt sie. Schließlich müsse sie auch wissen, wo die technischen Probleme liegen. Sie will nicht nur organisieren, verhandeln, Mitarbeiter führen, sie will weiter ans Reißbrett. "Raumfahrt ist für jeden Ingenieur immer eine neue Herausforderung. Das endet nie - auch wenn der Satellit schon lange fliegt."

Wenn es um Zukunftsprojekte geht, dann fällt ihr die Sonde Hera ein, die untersuchen soll, ob sich Asteroiden von der Bahn ablenken lassen. "Das ist sehr spannend - sowohl technisch als auch programmatisch." OHB hat dazu eine Esa-Studie angefertigt und sieht gute Chancen für den Zuschlag. Da wäre zudem das Plato-Projekt, das Planeten in anderen Sonnensystemen aufspüren soll: "Das läuft gut, obwohl es technisch nicht so einfach ist mit 26 Kameras", sagt sie. "Der Gedanke, dass wir eine neue Erde suchen und dass vielleicht auch woanders Leben existiert, ist sehr schön." Zumal diese Neugier mit ausschlaggebend dafür war, dass sie nun das tut, was sie tut. "Ich fand es immer faszinierend, in den Himmel zu schauen." Und sie könnte sich noch viel mehr vorstellen: Etwa dass OHB an astronautischen Mond- und Mars-Flügen beteiligt ist. "Die Branche ist hochinteressant, man arbeitet technisch fast immer am Rande der Machbarkeit."

Dies erinnert an Science-Fiction, das Genre hat viele Ingenieure inspiriert. "Star Trek" oder "Star Wars" - was mag sie lieber? "Das ist eine philosophische Frage", lacht sie, "aber ich denke 'Star Trek'." Pedersoli, deren Eltern eine Baufirma betrieben haben, hat in ihrer Jugend viel gelesen, "ich liebte Isaac Asimov". Ihre Begeisterung hat sie bereits auf ihre Kinder übertragen, "meine Töchter malen schon fleißig Satelliten". Und ja, Übelkeit hin oder her - natürlich würde auch sie mal gerne selbst ins All fliegen. Zumindest als Touristin: Am liebsten zum Mond, "um von dort die Erde anzuschauen".

© SZ vom 07.02.2020
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