Monsanto Monsanto, eine Stadt fast ohne Regeln

An den Dreck der Fabriken, sagen Bürgermeister und Polizeichef, gewöhne man sich.

(Foto: Werner)

Die Kleinstadt, die einst vom gleichnamigen Chemiekonzern gegründet wurde, ist heute ein trügerisches Idyll mit 159 Einwohnern und neuem Namen. Die nahen Fabrikschlote riecht man dennoch.

Von Kathrin Werner, New York

Hier in Monsanto passt man aufeinander auf. Wer zu langsam mit dem Auto durch die wenigen Wohnstraßen fährt, sieht fragende Gesichter hinter den Fenstern der Häuschen mit den ordentlichen Vorgärten. Nach wenigen Minuten kommt die Polizei und hält Langsamfahrer auf. "Kann ich etwas für Sie tun?", fragt der Officer. "Haben Sie sich verfahren?" In Monsanto sieht man sonst keine Fremden. Zumindest nicht in dem Teil der Stadt, in dem die 159 Einwohner leben. Das Industriegebiet, in dem die Fabriken grau in die Luft schloten, der Schnapsladen und die Stripclubs sind natürlich voller Fremder.

Monsanto, die Stadt, heißt inzwischen eigentlich nicht mehr Monsanto. Das Städtchen im US-Bundesstaat Illinois hat sich umbenannt und heißt jetzt Sauget. So wie die Familie, die hier vom Anfang aller Tage an den Bürgermeister stellt und der hier so viel gehört: Land, Lagerhäuser, Schnapsladen, Nachtclub. Doch ohne Monsanto, den Konzern, hätte es die Stadt nie gegeben.

In Monsanto, geführt von Monsanto, gab es kaum Regeln

Jahrzehntelang hieß der Ort wie das Unternehmen, das seinen Sitz nur wenige Meilen entfernt auf der anderen Seite des Mississippi in St. Louis hat. Monsanto, das Unternehmen, hat Monsanto, die Stadt, 1926 gegründet. Monsanto wollte in Monsanto die Dinge erledigen, die den Menschen am Hauptsitz der Firma in St. Louis, der großen Stadt auf der anderen Seite des Flusses, zu schmutzig waren: Schwefel verbrennen, Chemieabfall abpumpen, den giftigen Weichmacher PCB herstellen. In Monsanto, gegründet und geführt von Monsanto, gab es kaum Regeln und Gesetze. Fast alles war erlaubt. Monsanto entstand, eine Stadt als Müllkippe.

Die Spuren sieht man überall außer im Wohngebiet. Die Menschen leben in einigen wenigen Straßen, abgeschirmt von ein paar Bäumen und Hecken von dem riesigen Industriegebiet, in das ihre Stadt seit 1926 herangewachsen ist. Schlote, Abwasser, graue Abgase, donnernde Lastwagen - all das ist versteckt hinter den Bäumen in ihrer von der Polizei streng bewachten Idylle. Nur manchmal kann man sie riechen. Die Leute haben sich daran gewöhnt.

Für Monsanto, die Firma, ist Monsanto, die Stadt, nichts als alte Vergangenheit. Das Unternehmen hat die Chemiesparte samt der Fabrik in Sauget 1997 abgestoßen und konzentriert sich auf Saatgut. Mit dem alten Chemiegeschäft, dem Dreck, der noch in der Kleinstadt Monsanto/Sauget unter der Erde schwimmt, seien zwar noch einige historische Verpflichtungen verbunden, etwa Aufräumarbeiten und Ausgleichszahlungen, sagte eine Konzernsprecherin. "Die Fabrik hat heutzutage aber nichts mehr mit Monsantos Geschäft zu tun." Bayer, der Pharma- und Agrarchemie-Konzern aus Leverkusen, übernimmt Monsanto gerade. Mit dem Unternehmen übernimmt Bayer dessen Geschichte - auch die Geschichte der Stadt, die es ohne den Monsanto-Konzern nie gegeben hätte.

Lesen Sie die Seite-3-Reportage aus Monsanto mit SZ Plus:
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