Messung des Wohlstands:Offen für andere Disziplinen

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1980 griff eine kanadische Forschergemeinschaft das Easterlin-Paradoxon auf und entwickelte den Nettoglücksindex. Genau wie der bhutanische König fanden die Wissenschaftler des Zentrums für Lebensstandard (Centre d'Étude de Niveau de Vie) es unsinnig, den Zustand von Nationen ausschließlich anhand materieller Kriterien festzuschreiben. Stattdessen solle ein Index des nationalen Glücks mit dem Wirtschaftswachstum verglichen werden, um zu einem aussagekräftigen Ergebnis zu kommen.

Aber auch das Glück ist nicht einfach zu messen. Die Kanadier versuchten es trotzdem und rechneten aus, wie viel jeder Kanadier jährlich konsumierte, denn Konsum mache glücklich. Sie fanden es auch wichtig, ob eine große Kluft zwischen den Ärmsten und den Reichsten besteht, denn falls ja, sei das nicht zuträglich für das Glück. Die Initiative blieb wenig beachtet.

Vor zwei Jahren bekam die Idee, dass Wirtschaftswachstum nicht alles sei, dann zum ersten Mal etwas mehr Aufmerksamkeit: "Der Stern-Report hat das Bewusstsein vieler geschärft", sagt Jon Hall von der OECD.

Darin hatte der Ökonom Lord Stern für die britische Regierung eine Studie angefertigt, die den Zusammenhang zwischen Umwelt und Wirtschaft verdeutlichte: Die zeigte, dass das Wirtschaftswachstum nur dann gut für ein Land sein kann, wenn die Umwelt dadurch nicht zerstört wird - weil das sonst das zukünftige Wachstum einschränkt. Nachhaltigkeit und Umweltschutz seien also nicht zu unterschätzende Faktoren für das Wohlergehen von Nationen.

Sarkozy macht den Glücksmesser salonfähig

Vor allem in den vergangenen vier Jahren ist Ökonomen in aller Welt klargeworden, dass rein mathematische Erklärungen der Gemütszustände von Volkswirtschaften zu kurz greifen, sagt auch Georg Erber vom Deutschen Institut der Wirtschaft (DIW).

Daher wurde die Wissenschaft immer stärker anderen Disziplinen, wie beispielsweise der Psychologie geöffnet. Das menschliche Wohlbefinden beziehen viele Ökonomen inzwischen in ihre Modelle mit ein. Bisher hatte das aber kaum Einfluss auf die Politik oder die Allgemeinbevölkerung.

Mit Sarkozys Vorstoß dürfte sich das geändert haben: Plötzlich ist der neue Wohlstandsindikator in aller Munde. Zumal Nobelpreisträger Stiglitz und seine Kommission die bisherigen Ideen zu einem großen Ganzen bündelten: Sie verbinden subjektive und negative Indikatoren, sowohl das persönliche Glück als auch das Wirtschaftswachstum seien wichtig für die Volkswirtschaft, so die Forscher.

Ob mit Hilfe des neuen Gradmessers Wirtschaftskrisen wie die aktuelle verhindert werden können, wie Sarkozy das am Montag voller Eifer ankündigte, bleibt aber erst einmal offen. Jon Hall von der OECD hält es zumindest für wahrscheinlich. Auch wenn er nicht glaubt, dass der neue Indikator das BIP völlig ersetzen wird, schärfe er doch das Bewusstsein in den Köpfen der Menschen, dass Nachhaltigkeit und Glück mindestens ebenso wichtig seien wie materielles Wachstum.

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