Luftfahrt:Neue Boeing-Managerinnen sollen "737"-Krise in den Griff bekommen

Luftfahrt: Eine "737-9" in der Endmontage im Boeing-Werk in Renton im US-Bundesstaat Washington.

Eine "737-9" in der Endmontage im Boeing-Werk in Renton im US-Bundesstaat Washington.

(Foto: Jason Redmond/Reuters)

Der US-Luftfahrtkonzern steckt nach vielen Pannen in einer tiefen Krise. Nun soll ein Umbau in der Chefetage die Wende bringen.

Von Jens Flottau, Singapur

Bei der Singapore Airshow tauchte in diesen Tagen gelegentlich die Frage auf, wo den eigentlich Stan Deal sei. Schließlich ist die Veranstaltung Asiens größte Luftfahrtveranstaltung des Jahres, die Region einer der zwei wichtigsten Märkte für den amerikanischen Flugzeughersteller Boeing. Aber Deal, Chef der Boeing-Zivilflugzeugsparte, ließ sich nicht blicken, weder in den Chalets, in denen normalerweise die Verkaufsverhandlungen stattfinden, noch in den Messehallen. Gut angekommen ist das bei den Gastgebern nicht.

Immerhin ist seit dem späten Mittwochabend klar, dass Deal zu Hause andere wichtige Dinge zu regeln hatte. In einem Schreiben an die Mitarbeiter kündigte er einen ziemlich radikalen Umbau seines Managements an. Den Chef des 737-Programmes, Ed Clark, verabschiedete er zwar mit freundlichen Worten, aber unter dem Strich war es wohl doch ein Rauswurf. Elizabeth Lund, die bislang für die Produktion aller zivilen Flugzeuge zuständig war, wird neue Qualitätsoberaufseherin, ihre Vorgängerin scheint das Unternehmen auch verlassen zu müssen, obwohl das so nicht explizit in dem Memo steht.

Katie Ringgold, die Nachfolgerin Clarks an der Spitze des 737-Programmes, arbeitet seit zwölf Jahren bei Boeing. Sie war bislang für die Auslieferungen aus dem Werk in Renton im US-Bundesstaat Washington verantwortlich.

Die Änderungen haben mit der dramatischen Krise zu tun, in der sich Boeing gerade befindet. Zuletzt war Anfang Januar eine Türfüllung einer 737-9 der Alaska Airlines mitten im Flug herausgefallen, weil Boeing-Techniker vergessen hatten, diese nach einer Reparatur wieder ordentlich mit Schrauben zu befestigen. Nur mit viel Glück passierte bei dem Unfall nichts Schlimmeres. Seit Jahren plagen Qualitätsmängel die 737-Baureihe, die zudem gegenüber dem Airbus A320neo stark an Marktanteilen verloren hat, weil sich im Segment der Kurz- und Mittelstreckenjets die Nachfrage stark hin zu den größeren Varianten verschoben hat. Dort ist die 737 vielen Kunden wegen ihrer geringeren Reichweite nicht gut genug. Und natürlich ist das Image weiter belastet wegen der beiden Abstürze von Lion Air und Ethiopian, bei denen 2018 und 2019 346 Menschen ums Leben gekommen waren. Boeing hatte hastig eine neue Flugsteuerungssoftware eingebaut, ohne die Piloten angemessen zu schulen. Mitterweile hat das Unternehmen die Software stark entschärft.

Schon längst gilt auch der Boeing-Chef als angezählt

Als Konsequenz der letzten Panne hat die amerikanische Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) durchgegriffen: Boeing darf bis auf Weiteres pro Monat nicht mehr als 38 Exemplare der 737 produzieren - Airbus lag 2023 bei durchschnittlich 48 Maschinen der A320neo-Familie und will bis 2026 auf 75 wachsen. Die FAA untersucht zudem derzeit die Produktion Boeings in mehreren Werken und versucht, Mängel ausfindig zu machen. Ein detaillierter Bericht wird in einigen Wochen erwartet.

In diesem Zusammenhang muss man auch die jüngsten Personalentscheidungen sehen. Ganz offensichtlich will Deal der FAA demonstrieren, dass Boeing einschneidende Änderungen vornimmt. Er tut das sicherlich nicht ohne Eigennutz. Denn schon längst gilt Deal als stark angezählt. In der Branche kursieren immer wieder Gerüchte, dass der Boeing-Boss angeblich gehen muss. Seit fast fünf Jahren hält er sich in dem Job, den er nach den beiden Unfällen übernommen hat. Angesichts des allgegenwärtigen Dramas eine lange Zeit.

Die Frage ist nun, ob er sich mit den Personalien Lund und Ringgold wirklich genügend Freiraum geschaffen hat. Das FAA-Audit dürfte weitere Peinlichkeiten zu Produktionsmängeln zutage fördern, die er als Chef der Sparte letztlich zu verantworten hat. Und neu ist die Idee, Spitzenmanager in der Organisation auszutauschen, auch nicht: In den vergangenen sechs Jahren wurde das 737-Programm von fünf verschiedenen Chefs geführt, ohne dass dies nach außen erkennbar zu wesentlichen Verbesserungen geführt hat.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSachverständigenrat
:Ein Machtkampf zweier Frauen, der vor aller Augen eskaliert

Die Wirtschaftsweisen streiten: Die Ökonomin Veronika Grimm soll in den Aufsichtsrat von Siemens Energy einziehen. Ihre vier Kollegen fordern daraufhin ihren Rücktritt. Die Sache ist hochpolitisch - und persönlich.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: