Leder:Alternativen sind teurer - und ebenfalls umstritten

Aber kann Rhabarberleder aus Deutschland mit dem Billig-Leder aus Bangladesch konkurrieren? Es kostet etwa doppelt so viel wie Chromleder aus Bangladesch. Umsatzzahlen gibt Bansleben nicht preis, nur so viel: Sie verdoppelten sich jedes Jahr. Und: "Rhabarberleder ist nicht teurer als Chromleder aus Deutschland." Dieses gibt es auch auf der Messe. Das Leder für die Schuhe der dänischen Firma Duckfeet etwa, seit jeher bei der Ökobewegung beliebt, stammt von der deutschen Traditionsgerberei Heinen. Diese kauft die Tierhäute regional ein und legt viel Wert auf den sparsamen Umgang mit Wasser und Energie. Aber: Sie gerbt mit Chrom. Wie passt das zusammen?

"Die Chrom-Gerbung ist zu Unrecht verschrien", sagt Andreas Pfeiffer, der Duckfeet in Deutschland vertritt. Und Gerberei-Geschäftsführer Thomas Heinen erklärt: "Wir setzen das unbedenkliche Chrom-III halt richtig ein. Zu gefährlichem Chrom-VI wird es nur, wenn der Gerber billige Fette einsetzt und den Stand der Technik grob missachtet. Bei Heinen gibt es seit Jahrzehnten keinen Fall von Chrom-VI." Zu Heinens Kunden zählen viele Outdoor-Hersteller wie Lowa, Meindl oder Vaude, Bequemschuhmarken wie Duckfeet und sogar die Bundeswehr.

Ist die Chrom-Gerbung also gar nicht so schlimm? Laut Heinen und seinem firmeneigenen Siegel Terracare verbraucht das Chromverfahren weniger Wasser und Energie. Kläranlagen könnten das Schwermetall leicht aus dem Abwasser filtern und weiterverkaufen - es werde ohnehin in der Asphalt-Herstellung gebraucht. Dagegen überfordere die hoch konzentrierte pflanzliche Gerbbrühe oft die biologischen Kläranlagen, schließlich seien Gerbstoffe letztlich Pflanzengifte. Und für die Gerbstoffe Holz und Rinde würden oft Wälder abgeholzt oder Gerberakazien in den Tropen auf Kosten des Regenwalds extra angebaut, so Heinen.

Pflanzenanalytikerin Bansleben hält dagegen: "Chrom ist ein Schwermetall, nicht abbaubar und wird unter sehr hohem Energieaufwand in afrikanischen und asiatischen Minen abgebaut und hergestellt." Landenteignung und Bodenentwässerung seien weit verbreitet, schreibt auch die deutsche Ökogerberei Ecopell auf ihrer Website. Allerdings gehen 95 Prozent des abgebauten Chroms in die Metallindustrie, nur zwei Prozent in die Ledergerbung. Trotzdem: Rhabarber wächst ohne viel Aufwand bei uns. Das Gerben damit brauche auch nicht mehr Wasser oder Energie - und nur einen Tag länger als Chromleder, sagt Bansleben.

Offizielle Studien zum Ressourcenverbrauch der Gerbarten gibt es nicht

Offizielle Studien zum Ressourcenverbrauch der verschiedenen Gerbarten gibt es nicht. "Letztlich liegt das Problem nicht in Deutschland mit seinen sauber arbeitenden Gerbereien, sondern in Ländern wie Bangladesch", sagt Manfred Renner vom Fraunhofer Institut für Umwelt, Sicherheit und Energietechnik. Dass dort Chrom-VI aus den Billig-Gerbereien Umwelt und Menschen vergiftet, ist unbestritten. Und genau dieses Leder steckt überwiegend in unseren Schuhen und Taschen.

Sollte man dann lieber gleich auf vegane Schuhe ausweichen? Die zeigt der portugiesische Produzent "nae" auf der Messe: Sneakers aus dem papierartigen, aber robusten Piñatex etwa, das aus dem Abfallprodukt Ananasblätter gewonnen wird. Sandalen aus einer atmungsaktiven Polyester-Baumwoll-Mikrofaser, High Heels aus weichem Kork - oder "upgecycelt" aus alten Airbags und Autoreifen. Ist das die Lösung?

"Ganz so einfach ist es nicht", sagt Lars Wittenbrink, Chefredakteur des Blogs "Grüne Mode" und Mitinhaber eines der größten grünen Concept-Stores in Deutschland. "Hier können Weichmacher, giftige Chemikalien oder die Haltbarkeit ein Problem sein." Gegen sauber produzierte, lederfreie Sneakers sei nichts einzuwenden. Aber: "Ein guter Ökolederschuh kann sehr lange getragen werden, wenn er regelmäßig eingefettet wird. Das geht bei Kunstleder oder Stoffen nicht."

Weniger, dafür hochwertiger produzieren - das wäre auch eine Lösung für die Gerbereien in Bangladesch.

© SZ vom 25.07.2017/vd
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