Süddeutsche Zeitung

Leder:Giftige Schuhe, stinkende Handtaschen

  • Das weltweite Geschäft mit dem Leder boomt. Oft wird es billig produziert, giftige Chemikalien schaden Menschen und Umwelt.
  • Es gibt zwar Methoden, um Leder umweltfreundlicher zu gerben. Doch die sind entweder deutlich teurer oder ebenfalls umstritten.

Von Carolin Wahnbaeck

Es stinkt nach faulen Eiern, verrottendem Fleisch und ätzendem Ammoniak. In den Gerbereien in Hazari Bag, einem Stadtteil von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, stehen Kinder barfüßig in grau-blauer Gerbbrühe und atmen die beißende Luft ein. Mit bloßen Händen ziehen sie Lederhäute aus großen Trommeln und lassen sie in die Brühe zu ihren Füßen fallen - zwölf bis 14 Stunden am Tag. Doch das ist gefährlich: Hochgiftige Schwermetalle wie Chrom-VI und Hunderte andere Chemikalien sind in der Gerbbrühe und den Dämpfen enthalten. Schutzanzüge, Atemmasken oder Gummistiefel gibt es nicht. Und die Abwässer der Betriebe vergiften auch die Umwelt: Täglich fließen Tausende Kubikmeter aus den Gerbereien ungefiltert in den Fluss, in dem Kinder planschen.

Hazari Bag ist eines der wichtigsten Lederproduktionszentren der Welt. Rund 250 Gerbereien gibt es hier, in denen Tausende Menschen das billige "wet blue"-Leder für den Weltmarkt herstellen. Der bitterarme Ort rangiert auf Platz fünf der am stärksten verschmutzten Orte der Welt, laut einer Liste des New Yorker Blacksmith Instituts und der Umweltschutzorganisation Green Cross International.

Das weltweite Geschäft mit dem Leder boomt, genau wie das mit dem Fleisch. Die Rinderherden wuchsen von 2000 bis 2014 um 13 Prozent auf 1,8 Milliarden Tiere, hat die FAO ermittelt. Noch schneller stieg die Lederproduktion - um 21 Prozent. Fast alles davon ist Chromleder: Etwa 90 Prozent der Häute werden mit dem Schwermetall schnell und billig haltbar gemacht - vor allem in Lateinamerika und Asien. Denn dort sind Umweltstandards meist niedrig, und viele Menschen bereit, in den Gerbereien ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen - oft für weniger als einen Euro am Tag.

Zwar werden zum Gerben nur unbedenkliche Chrom-III-Salze eingesetzt, aber diese oxidieren bei unsauberer und billiger Produktion zu Chrom-VI. Und das ist stark krebserregend, kann zu Hautausschlägen und Allergien führen, schädigt das Immunsystem und die Fortpflanzungsfähigkeit. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sterben 90 Prozent dieser Kinderarbeiter, bevor sie 50 Jahre alt sind.

Das Chrom-VI gelangt auch zu uns: über günstige Ledertaschen, -jacken und -schuhe, auch für Kinder. Selbst wenn im Schuh "Made in Italy" steht, stammt das Leder oft aus Bangladesch. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat die Substanz immer wieder nachgewiesen, besonders Handschuhe und Babyschuhe sind betroffen. Und die Kontrolle ist schwierig: Selbst wenn das Leder frei von Chrom-VI die Fabrik in Bangladesch verlässt, kann sich die Substanz durch Hitze, Licht oder Sauerstoff bilden - beim Transport nach Europa oder im Schaufenster. In Deutschland reagieren inzwischen eine halbe Million Menschen sensibel auf Chrom-VI - und können kein Leder mehr tragen.

Leder kann man auch mit Olivenblättern oder Rhabarber gerben

Also lieber die Finger vom Leder lassen? Chromfreie Alternativen findet man auf dem "Greenshowroom" in Berlin. Auf der grünen Modemesse zeigen meist kleine Labels Kleidung aus Biobaumwolle oder Recycling-Materialien - und aus vegetabil, also pflanzlich gegerbtem Leder. Royalblush etwa verkauft Espadrilles aus pflanzlich gegerbtem Kalbsleder, Grand Step Shoes Ledersandalen. Denn auch mit Olivenblättern, Kastanie, Rinden, Holz und Früchten kann man Leder haltbar machen.

Oder mit Rhabarber: Die auffallend weichen Taschen und Kleider von "deepmello" finden sich auch auf der Messe. Die Pflanzenanalytikerin Anne-Christin Bansleben und ihr Team entdeckten den Ledergerbstoff in der Rhabarberwurzel - und stellen nun "Rhabarberleder" her. Ihr Antrieb: Eine marktfähige Alternative zum Chrom bilden, denn: "Die normalen Lederprodukte sind eigentlich Sondermüll", sagt Bansleben. Rhabarberleder dagegen erfüllt die Kriterien des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN), des strengsten Öko-Leder-Siegels am Markt.

Alternativen sind teurer - und ebenfalls umstritten

Aber kann Rhabarberleder aus Deutschland mit dem Billig-Leder aus Bangladesch konkurrieren? Es kostet etwa doppelt so viel wie Chromleder aus Bangladesch. Umsatzzahlen gibt Bansleben nicht preis, nur so viel: Sie verdoppelten sich jedes Jahr. Und: "Rhabarberleder ist nicht teurer als Chromleder aus Deutschland." Dieses gibt es auch auf der Messe. Das Leder für die Schuhe der dänischen Firma Duckfeet etwa, seit jeher bei der Ökobewegung beliebt, stammt von der deutschen Traditionsgerberei Heinen. Diese kauft die Tierhäute regional ein und legt viel Wert auf den sparsamen Umgang mit Wasser und Energie. Aber: Sie gerbt mit Chrom. Wie passt das zusammen?

"Die Chrom-Gerbung ist zu Unrecht verschrien", sagt Andreas Pfeiffer, der Duckfeet in Deutschland vertritt. Und Gerberei-Geschäftsführer Thomas Heinen erklärt: "Wir setzen das unbedenkliche Chrom-III halt richtig ein. Zu gefährlichem Chrom-VI wird es nur, wenn der Gerber billige Fette einsetzt und den Stand der Technik grob missachtet. Bei Heinen gibt es seit Jahrzehnten keinen Fall von Chrom-VI." Zu Heinens Kunden zählen viele Outdoor-Hersteller wie Lowa, Meindl oder Vaude, Bequemschuhmarken wie Duckfeet und sogar die Bundeswehr.

Ist die Chrom-Gerbung also gar nicht so schlimm? Laut Heinen und seinem firmeneigenen Siegel Terracare verbraucht das Chromverfahren weniger Wasser und Energie. Kläranlagen könnten das Schwermetall leicht aus dem Abwasser filtern und weiterverkaufen - es werde ohnehin in der Asphalt-Herstellung gebraucht. Dagegen überfordere die hoch konzentrierte pflanzliche Gerbbrühe oft die biologischen Kläranlagen, schließlich seien Gerbstoffe letztlich Pflanzengifte. Und für die Gerbstoffe Holz und Rinde würden oft Wälder abgeholzt oder Gerberakazien in den Tropen auf Kosten des Regenwalds extra angebaut, so Heinen.

Pflanzenanalytikerin Bansleben hält dagegen: "Chrom ist ein Schwermetall, nicht abbaubar und wird unter sehr hohem Energieaufwand in afrikanischen und asiatischen Minen abgebaut und hergestellt." Landenteignung und Bodenentwässerung seien weit verbreitet, schreibt auch die deutsche Ökogerberei Ecopell auf ihrer Website. Allerdings gehen 95 Prozent des abgebauten Chroms in die Metallindustrie, nur zwei Prozent in die Ledergerbung. Trotzdem: Rhabarber wächst ohne viel Aufwand bei uns. Das Gerben damit brauche auch nicht mehr Wasser oder Energie - und nur einen Tag länger als Chromleder, sagt Bansleben.

Offizielle Studien zum Ressourcenverbrauch der Gerbarten gibt es nicht

Offizielle Studien zum Ressourcenverbrauch der verschiedenen Gerbarten gibt es nicht. "Letztlich liegt das Problem nicht in Deutschland mit seinen sauber arbeitenden Gerbereien, sondern in Ländern wie Bangladesch", sagt Manfred Renner vom Fraunhofer Institut für Umwelt, Sicherheit und Energietechnik. Dass dort Chrom-VI aus den Billig-Gerbereien Umwelt und Menschen vergiftet, ist unbestritten. Und genau dieses Leder steckt überwiegend in unseren Schuhen und Taschen.

Sollte man dann lieber gleich auf vegane Schuhe ausweichen? Die zeigt der portugiesische Produzent "nae" auf der Messe: Sneakers aus dem papierartigen, aber robusten Piñatex etwa, das aus dem Abfallprodukt Ananasblätter gewonnen wird. Sandalen aus einer atmungsaktiven Polyester-Baumwoll-Mikrofaser, High Heels aus weichem Kork - oder "upgecycelt" aus alten Airbags und Autoreifen. Ist das die Lösung?

"Ganz so einfach ist es nicht", sagt Lars Wittenbrink, Chefredakteur des Blogs "Grüne Mode" und Mitinhaber eines der größten grünen Concept-Stores in Deutschland. "Hier können Weichmacher, giftige Chemikalien oder die Haltbarkeit ein Problem sein." Gegen sauber produzierte, lederfreie Sneakers sei nichts einzuwenden. Aber: "Ein guter Ökolederschuh kann sehr lange getragen werden, wenn er regelmäßig eingefettet wird. Das geht bei Kunstleder oder Stoffen nicht."

Weniger, dafür hochwertiger produzieren - das wäre auch eine Lösung für die Gerbereien in Bangladesch.

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SZ vom 25.07.2017/vd
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