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Süßwaren:Corona geht Herstellern auf den Keks

Wie sich das Geschäft im Krisenjahr 2020 entwickelte, hängt von der Art des Snacks ab: Keks-Sortimente fürs Büro liefen eher schlecht.

(Foto: Pawel Horosie/mauritius images)

Erst führen die USA Strafzölle auf Feingebäck ein, dann macht die Pandemie alle Prognosen hinfällig: Die Leute kauften mehr Salziges und weniger Konferenz-Kekse. Nun hoffen die Süßwaren-Hersteller auf Lebkuchen als Krisennahrung.

Von Benedikt Müller-Arnold, Aachen

Schon auf dem Hof der Firma Lambertz riecht es nach Lebkuchengewürz. In der Gebäckfabrik in Aachen herrscht derzeit Hochsaison. Kiloweise purzelt der Teig durch große Trichter, Walzen bringen die Printen in Form. Auf einem Fließband schleichen die Lebkuchen durch das lange Backrohr. Weiter hinten kühlen sie wieder ab auf 22 Grad, damit die Schokoglasur auf ihnen hält.

Nebenan, in der Produktion von Dominosteinen, senken sich Gelee und Marzipan auf eine lange Platte Teig. Die Schichten rollen zusammen weiter, eine Maschine trennt sie in Streifen, stanzt sie in Würfel, bevor Schokolade auf die Pralinen prasselt. Jedes Jahr stellt die Lambertz-Gruppe, zu der auch Marken wie Haeberlein-Metzger oder Dr. Quendt gehören, alleine 664 Millionen Dominosteine her: Willkommen beim Weltmarktführer für Herbst- und Weihnachtsgebäck.

Das Familienunternehmen ist einer von gut 200 Herstellern, die der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) hierzulande zählt. Die Branche beschäftigt etwa 50 000 Menschen in Deutschland - und erlebt ein verrücktes Jahr 2020: Erst wurde ihr Feingebäck Gegenstand internationaler Handelskonflikte. Danach entwickelte sich die Nachfrage während der Corona-Krise ganz anders als gewohnt.

Zum Beispiel liefen Ostersüßigkeiten dieses Jahr schlecht, da sich viele Familien gar nicht erst trafen. Salzgebäck hingegen fand reißenden Absatz, als Kunden im Frühjahr haltbare Snacks horteten. Speiseeis verkaufte sich im ersten Halbjahr besser als zuvor, doch der Absatz in Schwimmbädern oder Tankstellen brach ein. Insgesamt meldeten 56 Prozent der Firmen niedrigere Umsätze, resümiert der BDSI.

Acrylamid in Lebensmitteln

Lange haltbare, salzige Knabbereien wurden im Frühjahr gehortet.

(Foto: Gero Breloer/dpa)

Bei Lambertz hofft Hermann Bühlbecker, glimpflich durch die Krise zu kommen. Der 70-Jährige ist schon seit 1978 Chef des Aachener Unternehmens, manche nennen ihnen den Printen-König; seit 1992 gehört ihm die Firmengruppe allein. "Unsere Umsätze mit gelegten Gebäckmischungen, sogenannten Konferenzkeksen, gehen etwas zurück", sagt Bühlbecker. Kein Wunder, wenn mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten und Besprechungen digital stattfinden. "Auch in Flughafen-Shops, Kaufhäusern und Fachgeschäften haben wir weniger Produkte abgesetzt", sagt der Firmenchef. "Aber unser Glück war, dass die Frühjahrsmonate nicht unsere Hauptsaison sind."

Corona und US-Strafzölle kosten das Unternehmen Geld

Bühlbecker geht jedenfalls nicht davon aus, dass er in diesem Jahr weniger Spekulatius und Stollen verkaufen wird. "Ich glaube eher, dass sich die Menschen in diesem Winter etwas Genuss gönnen werden." Genuss freilich, der nicht der gesündeste ist.

Damit die Gruppe mit ihren 4000 Beschäftigten trotz Pandemie weiterproduzieren kann, gelten strengere Regeln als ohnehin in der Nahrungsmittelproduktion. Wer das Gelände betritt, bei dem wird Fieber gemessen. Beschäftigte und Besucher müssen Hände waschen, trocknen, desinfizieren. Zwischen die Mitarbeiterinnen, die Dominosteine mit Handschuhen anfassen und in die Verpackung hieven, hat Lambertz Kunststoffwände eingezogen. Und wessen Familienmitglieder Symptome zeigten, der sollte präventiv zu Hause bleiben. "Unsere Produktivität hat darunter nicht gelitten", sagt Bühlbecker, "aber unsere Kosten sind insgesamt gestiegen."

Eine andere, ungeahnte Belastung erfuhr die Branche vorigen Herbst: Seitdem erheben die USA Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf einige europäische Lebensmittel - darunter Feingebäck aus Deutschland. Ursprung des Konflikts waren Subventionen für die Flugzeugbauer Airbus und Boeing. "Die mittelständischen, überwiegend von Familien geführten Unternehmen haben von heute auf morgen und ohne eigenes Verschulden einen wesentlichen Markt verloren", sagt Andreas Nickenig vom BDSI, "den sie sich über Jahrzehnte sehr mühsam aufgebaut und erschlossen haben."

Die Folge: Im ersten Halbjahr habe die Branche etwa 30 Prozent weniger in die USA ausgeführt als im Vorjahreszeitraum, so der Verband. Da das Exportgeschäft mithilft, hiesige Kapazitäten auszulasten, könnte der Zollstreit auch Arbeitsplätze in Deutschland gefährden, warnt der BDSI. Entsprechende Pläne einzelner Firmen sind bislang freilich nicht bekannt.

Lambertz hat im vergangenen Geschäftsjahr, das Ende Juni auslief, nach eigenen Angaben 26 Millionen Euro Umsatz in den USA erwirtschaftet; zuvor waren es 28 Millionen. "Wir hätten gerne einen Ausgleichsfonds für entgangene Umsätze, wie ihn andere Staaten eingerichtet haben", fordert Bühlbecker. "Und wir würden uns eine deutlichere Verhandlungsführung wünschen." Andere Länder kämpften mehr für ihre Lebensmittelindustrie.

Auf die Arbeitsplätze in seinem Unternehmen werden die Strafzölle zwar vorerst keine Auswirkungen haben. "Langfristig kann ich das aber nicht ausschließen." Denn Bühlbecker sieht vor allem im Ausland Wachstumspotenzial. Für das vergangene Geschäftsjahr meldet Lambertz einen Umsatz von 637 Millionen Euro; nicht mal ein Viertel davon haben die Aachener im Ausland erwirtschaftet.

Der promovierte Betriebswirt Bühlbecker hat nach seinem Einstieg aus dem kleinen, angeschlagenen Printen-Hersteller die heutige Gruppe geformt. Lambertz übernahm Konkurrenten wie Kinkartz aus Würselen oder Weiss aus Neu-Ulm. Mittlerweile verkauft die Firma mehr Ganzjahresware wie etwa Mozartkugeln oder Haferkekse als Saisongebäck. "Wir beliefern alle, vom Discounter bis zum KaDeWe", sagt Bühlbecker. "In vielen Produkten steckt Lambertz drin, nicht immer steht auch Lambertz drauf."

"Wir als Familienunternehmen denken langfristig"

Der 70-Jährige äußert sich zuversichtlich, dass seine Familie das Unternehmen auch in Zukunft steuern werde, zumindest aus dem Beirat heraus. "Eine Stiftung wäre ein denkbares Modell für die Zukunft", sagt er. Man könne eine Firma aber auch ohne Stiftung in der Familie halten. "Ich möchte mein Lebenswerk jedenfalls nicht an einen Süßwarenkonzern verkaufen", kündigt Bühlbecker an. "Wir als Familienunternehmen denken langfristig, nicht so sehr von Quartalsergebnis zu Quartalsergebnis."

Bislang war der gebürtige Aachener mit seinen langen, grauen, nach hinten gekämmten Haaren zudem selbst Lambertz' größte Werbefigur. Bühlbecker verschenkte öffentlichkeitswirksam Kekstruhen an Staatsgäste wie Prince Charles, lud am Rande der Kölner Süßwaren-Messe zu Partys samt Modeschau, ist seit 2011 gar Honorarkonsul der Elfenbeinküste - des weltgrößten Kakao-Produzenten - in Deutschland.

"Dass ich als Unternehmer die Marke bin, wird in Zukunft womöglich nicht mehr so sein", sagt Bühlbecker. "Das ist vielleicht auch nicht mehr nötig." Seine Firma sei heute bekannt und gut im Handel vertreten. "Ich hoffe jedenfalls, dass ich noch ein paar Jahre weitermachen kann."

© SZ
Plate with ready-to-eat Black Forest cake PPXF00315

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