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Landwirtschaft:Wie sich die Protestbewegung der Bauern selbst zerlegt

Bauernprotest in Berlin

"Land schafft Verbindung" entstand im Oktober 2019 als Facebook-Gruppe. Im November organisierte sie Proteste gegen das Agrarpaket.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Das Bündnis "Land schafft Verbindung" wollte der Politik einheizen. Doch nun streiten die Bauern vor allem mit sich selbst - über die Frage, wie radikal der Widerstand sein darf.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Ansgar Tubes ist am Telefon schwer zu verstehen, er sitzt auf dem Traktor, die Arbeit wartet nicht. "Pflanzenschutz", ruft Tubes. Pflanzenschutz ist das Geschäft von "Tubes Agro Service", seiner Firma. Nebenbei ist er noch bei der Bauernbewegung "Land schafft Verbindung" aktiv, er ist Vorsitzender des Ablegers in Nordrhein-Westfalen. Und als solcher hat er am Morgen mit drei anderen eine Bombe gezündet, die das Bündnis sprengen könnte: Vier Ableger kehren der bundesweiten Bewegung den Rücken, neben NRW auch Hessen, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern. "Es ist uns nicht leichtgefallen", ruft Tubes ins Handy. "Aber es ist nicht mehr die Richtung, für die wir damals auf die Straße gegangen sind."

Damals, das ist noch gar nicht lange her. Im Oktober 2019 entstand "Land schafft Verbindung" als Gruppe bei Facebook. Die Bundesregierung verhandelte über Insektenschutz und das Ende von Glyphosat, über Nitrat im Grundwasser und schärfere Düngeauflagen, zum Ärger vieler Landwirte. Binnen weniger Tage folgten Tausende der Gruppe, drei Wochen später mobilisierte sie zu massenhaften Bauernprotesten. Facebook und Whatsapp waren ihre schärfsten Waffen. Als die Kanzlerin keine zwei Monate nach dem ersten Aufruf zum Agrargipfel ins Kanzleramt lud, war "Land schafft Verbindung", kurz: LsV, wie selbstverständlich mit dabei. Selbst mit den Vorarbeiten für eine "Zukunftskommission Landwirtschaft" wurden die LsV-Leute betraut - zusammen mit dem Deutschen Bauernverband, bis dahin der Platzhirsch. Selten hat eine Bewegung so schnell so viel Einfluss erlangt wie diese.

Doch die Erfolge sind lang her, inzwischen beschäftigt sich die Bauernbewegung mehr mit sich selbst als mit der Agrarpolitik. Die Bewegung stehe an einer Wegscheide, sagt Dirk Andresen, von der ersten Stunde an einer der Köpfe der Bewegung. "Es geht jetzt darum, ob wir überleben." Letztlich müsse die junge Bewegung nun "erwachsen" werden. Und dazu, sagt Andresen, gehöre auch "ein gewisser Anstand".

Denn was die Bewegung groß gemacht hat, die schnelle Kommunikation über soziale Medien, die rasche Mobilisierung, wird nun zu ihrer größten Bedrohung. Über soziale Medien sind auch schnell ein paar Beleidigungen ausgetauscht, und mobilisieren lässt sich auch rasch zu Aktionen, die Leute wie Ansgar Tubes gar nicht gut finden.

Widerspruch wird nicht geduldet

Was das bedeutet, hat zuletzt der Ansbacher CSU-Abgeordnete Artur Auernhammer erfahren. Auernhammer ist selbst Landwirt. Aber er hatte sich erdreistet, Kritik an einzelnen Aktionen zu äußern. Etwa an einer Demo am Holocaust-Gedenktag beim Holocaust-Mahnmal in Berlin - mit der umstrittenen Landvolk-Flagge: weißer Pflug, rotes Schwert auf schwarzem Grund. Mit dem Ergebnis, dass er kurz darauf eine Demo im Wahlkreis hatte, passend zur Nominierung des dortigen CSU-Kandidaten: "Nein zu Artur Auernhammer", forderten die Demonstranten. Wer Bauern diffamiere, "hat in Berlin nichts zu suchen". Auch LsV in Bayern hatte dazu aufgerufen, auf den üblichen Kanälen. "Die Whatsapp-Gruppen sind das Gift", sagt Auernhammer heute. "Es ist traurig für die gesamte Entwicklung in der Landwirtschaft." Es gebe Landwirte, die sich auf die Weise gegen jede Veränderung stellen wollten. "Aber letztlich", sagt Auernhammer, "schwächen sie sich durch solche Aktionen selbst."

Das sieht Ansgar Tubes auf seinem Traktor ganz ähnlich. Unwürdig sei es, so mit Politikern umzugehen - zumal mit solchen, die selbst Landwirte sind. "Damit haben sie einige Türen, die für uns offenstanden, zugeschlagen." Vieles von dem, was 2019 mit den Demos erreicht worden sei, sei wieder zunichtegemacht. Und auch LsV-Vorstand Andresen verlangt nun einen Verhaltenskodex, um künftige Entgleisungen zu verhindern. Ihm schwebt eine Art Dachverband vor, der letztlich die Strategien vorgibt. "Sonst ist es wie ein Sack Flöhe", sagt Andresen. "Da hüpft einer los, und der nächste hüpft hinterher. Und der dritte will in eine ganz andere Richtung."

Zu den ungeklärten Richtungsfragen zählt auch das Verhältnis zum Deutschen Bauernverband. Viele der Landwirte haben mit ihm abgeschlossen, sie sehen LsV als die neue, starke Bauernbewegung - in Opposition zur alten. Andere wollen mit dem Verband zusammenarbeiten, um so die Kräfte der Landwirte zu bündeln. Doch der Zwist zieht sich bis in den Beirat des Bundesvereins. Mitglieder berichten von Intrigen, mit denen die eine Seite die andere auszubooten versuche. "Da bleiben so viel PS liegen", ruft Tubes, während er seine Spritze über den Acker zieht, "weil wir uns nur noch mit internen Dingen beschäftigen." Den Bauernverband dürfte das alles nicht mal stören: Er duldet nur ungern ein Bündnis neben sich.

© SZ/shs
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