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Krise in Südkorea:Der Samsung-Prozess kann Südkorea an den Abgrund bringen

Das Netzwerk der Familienunternehmen ist groß in Südkorea. Bürger protestieren gegen die enge Verstrickung von Politik und Wirtschaft.

(Foto: Illustration Sead Mujic)
  • An diesem Donnerstag beginnt in Südkorea der Prozess gegen den inoffiziellen Samsung-Chef Lee Jae-yong. Ihm werden unter anderem Korruption und Bestechung vorgeworfen.
  • Für Freitag wird außerdem das Urteil im Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Park Geun-hye erwartet.
  • In Südkorea arbeiten große Konzerne und Politik schon lange eng zusammen. Nach dem Koreakrieg half das dabei, das Land wiederaufzubauen. Doch nun sorgen die Verstrickungen für eine bedrohliche Krise.

Wie ist das eigentlich, wenn ein Land im Besitz großer Familienkonzerne ist, wenn besonders ein Unternehmen fast schon ein Synonym ist für den Staat, in dem es zu Hause ist? Wenn Samsung Südkorea ist und Südkorea Samsung? Gut ist das nicht, fand eine aufstrebende Politikerin und versprach, "die Wirtschaft zu demokratisieren". Mit diesem Vorsatz, den sie nie präzisiert hat, zog Park Geun-hye 2013 ins Blaue Haus ein, den Sitz des südkoreanischen Präsidenten.

Viele Bürger hofften damals, die heute 65-Jährige werde die Privilegien der Chaebol kappen, der großen Familienkonzerne wie Samsung, Hyundai, Lotte oder Hanjin. Und den Filz zwischen den Chaebol einerseits und der Politik, Justiz und Verwaltung andererseits durchschneiden. Ihre Vorgänger waren alle in Korruptionsfälle verwickelt, sie wollte die erste saubere Präsidentin sein. Sie habe keine Kinder, also keinen Anlass, sich zu bereichern, sagte sie.

Im Dezember wurde Park wegen Korruption, Pflichtversäumnisses und Machtmissbrauchs vom Amt der Staatspräsidentin suspendiert. Heute weiß man, dass sie wohl nie die Absicht hatte, die Macht und den zuweilen rechtswidrigen Einfluss der Chaebol zu beschneiden. Im Gegenteil: Ihre Politik hat die Kluft zwischen den Chaebol, die Südkoreas Wirtschaft dominieren, und dem kriselnden mittelständischen Gewerbe sogar noch vertieft. Ihr Sturz jedoch, der auch ein Sturz bliebe, wenn das Verfassungsgericht die vom Parlament beschlossene Amtsenthebung nicht bestätigt, verschafft Südkorea eine Chance, seine Wirtschaft wirklich zu "demokratisieren", mithin die Chaebol dem Recht zu unterwerfen, das für alle anderen gilt. Die persönliche Blamage der Präsidentin könnte ihr Wahlkampfversprechen auf eine Art wahrmachen, wie sie sich das selbst niemals gedacht hatte.

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Park Geun-hye ist die Tochter des Militärdiktators Park Chung-hee, dem Vater des "Wunders am Han-Fluss", wie Südkoreas Wirtschaftsaufschwung genannt wird. Die Tochter, die im Blauen Haus aufgewachsen ist und die es deshalb für ihr natürliches Recht hielt, als Präsidentin dorthin zurückzukehren, hat sich nur halbherzig von der Diktatur distanziert. Ihr Slogan "Demokratisierung der Wirtschaft" echote bloß die "Modernisierung" durch ihren Vater, den viele ältere Wähler im Rückblick verklären, weil es ihnen damals wirtschaftlich jedes Jahr besser ging.

In zwei Generationen vom Agrarland zur Hightech-Großmacht

Auf seine Demokratie, die die Studenten 1987 erkämpften, ist Südkorea heute zu Recht stolz. Dabei blieb allerdings der Filz zwischen Chaebol und Politik, den Vater Park geschaffen hat, unangetastet. "Demokratisierung der Wirtschaft" klang in Parks Wahlkampf deshalb wie ein natürlicher nächster Entwicklungsschritt, der Korea zu einem neuen Wohlstandsschub verhelfen würde.

Als junger Mann war Parks Vater ein Untertan Japans, der Kolonialmacht. Er wurde Berufsoffizier in der kaiserlichen Armee und diente in der Mandschurei, Japans Marionettenstaat im Nordosten Chinas. Japan machte diese inoffizielle Kolonie zu einem Labor der radikalen Modernisierung einer Wirtschaft. Hier probierte es jene Grundregeln, die sich ein Teezeremonien-Meister in der Provinz Satsuma im 19. Jahrhundert zur Sanierung einer Volkswirtschaft ausgedacht hatte: die Substitution der Importe, die Reduktion der Kosten, Qualitätsverbesserungen und damit bessere Exportchancen und ein ausgeglichenes Budget. Südkorea und Taiwan ließen sich später davon leiten, um sich binnen zweier Generationen von Agrarländern in Hightech-Großmächte zu wandeln. Der frühere chinesische Ministerpräsident Zhu Rongji bekannte, auch China habe davon gelernt.