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Kreuzfahrt als Massenprodukt:Gelddrucken auf hoher See

Nudisten und Metal-Fans als Wiederholungstäter: Das Geschäft mit Kreuzfahrten floriert, die Branche erschließt sich neue Zielgruppen. Daran hat auch die Havarie der "Costa Concordia" nichts ändern können. Die Anbieter wollen von einem Rückschlag sowieso nichts wissen. Experten warnen, dass Wachstum nicht ewig währt.

Von Jannis Brühl

So zynisch es klingt: Es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, um einzusteigen, noch während die Rettungsarbeiten vor Giglio liefen. Die vor einem Jahr verunglückte Costa Concordia gehört dem britisch-amerikanischen Unternehmen Carnival. An dessen Aktienkurs lässt sich ablesen, wie unerschütterlich das Vertrauen in das Wachstum der Kreuzfahrtbranche ist. Nach der Katastrophe mit 32 Toten brach der Kurs erst um fast 20 Prozent ein. Vom Sommer an ging es aber wieder konstant aufwärts. Nun steht die Aktie mehr als 20 Prozent höher als vor dem Unglück.

Carnival kontrolliert etwa die Hälfte des globalen Geschäfts mit Kreuzfahrten, und das boomt, auch in Deutschland. Touristik-Professoren schreiben in Power-Point-Präsentationen auf Konferenzen: "Kreuzfahrten sind eine Lizenz zum Gelddrucken!"

Der deutsche Markt ist allerdings noch verhältnismäßig wenig erschlossen. Es gibt hier keine Tradition der Kreuzfahrten, wie etwa in den USA. In Deutschland, der Heimat der Reiseweltmeister, ist also noch viel zu verdienen für Anbieter. Erst 1,5 Prozent der Einwohner haben laut Deutschem Reiseverband (DRV) schon einmal auf einem schwimmenden Hotel Urlaub gemacht. Wobei Hotel fast untertrieben ist: 3-D-Kino und Fitnessstudio auf Hochseekreuzern wie der MS Europa 2, die dieses Jahr vom Stapel läuft, gehören fast schon zum Standard.

2012 dürfte für die Branche aber ein kleiner Rückschlag gewesen sein. Offizielle Zahlen, wie es ihr im Katastrophenjahr erging, gibt es erst im März. Hört man sich in der Branche um, zeigen sich viele optimistisch. Richard Vogel, Chef von TUI Cruises und beim DRV für Kreuzfahrten zuständig, erklärt, die Buchungen seien nach dem Unglück nur "kurzfristig" zurückgegangen. Die offizielle Sprachregelung ist, dass ein Wachstum im "hohen einstelligen Bereich" erzielt wurde. Das klingt gut, verglichen mit den Raten der Jahre zuvor ist es dennoch ein Rückgang. Die waren meist zweistellig, 2011 zum Beispiel 13,8 Prozent. Sich über den Rückgang zu beschweren, sagt Vogel, "wäre aber Jammern auf hohem Niveau".

Das Luxussegment floriert. Auf der MS Europa 2 wird eine Woche mindestens 3900 Euro kosten. Kreuzfahrt ist aber auch ein Massenprodukt geworden, und um sich diesen Markt zu erschließen, lassen sich die Unternehmen auf einen harten Preiswettbewerb ein, wie in vielen anderen Tourismusbereichen. Stefan Jaeger vom Fahrgastverband Eucras sagt: "Der Verbraucher muss sich informieren. Es kann vorkommen, dass man für eine Kreuzfahrt beispielsweise Anfang November 500 Euro zahlt, und eine Woche später kostet die gleiche Route 1000 Euro." In der Branche berüchtigt ist ein Angebot für eine Woche Kreuzfahrt im Roten Meer, inklusive Flug für 299 Euro.

Also Kunden glücklich, Unternehmen glücklich, alle glücklich? Unabhängige Tourismusexperten sehen die Zahlen skeptischer: Alexis Papathanassis, der an der Hochschule Bremerhaven das Geschäft mit den Kreuzfahrten erforscht, sagt: "Passagierzahlen alleine sagen wenig über die Wirtschaftlichkeit. Die Gewinnmargen bei großen Anbietern sind geringer geworden." Das Geld, das sie beim Reisepreis verlieren, versuchten die Anbieter durch sogenannten On-Board-Revenue wieder hereinzuholen, also indem sie an Bord allerlei Waren und Dienstleistungen verkauften: "Was man bei vielen Reedereien zahlt, ist nicht kostendeckend. Der On-Board-Revenue beträgt etwa 25 Prozent."

Alte Branche, neues Image

Marktführer in Deutschland ist und bleibt Aida. Von den 2,4 Milliarden Euro, die mit Hochseekreuzfahrten umgesetzt wurden, erzielte das Unternehmen etwa eine Milliarde. Am meisten Umsatz pro Passagier macht allerdings Luxusanbieter und Tui-Tochter Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, der die MS Europa 2 gehört, mit mehr als 7000 Euro.

Aida ist beliebt, weil es auf deutschsprachiges Personal setzt. Umfragen zeigen, dass die Mehrzahl der Deutschen Englisch und andere Sprachen an Bord nicht gerne hört. Sie nehmen Aida als deutsches Unternehmen wahr - obwohl es längst dem Global Player Carnival gehört.

Die Branche hat einen Imagewandel durchlaufen. Kreuzfahrt soll für alle da sein. Auch dank spezialisierter Fahrten: Schiffe voller FKK-Freunde, Golfer oder Heavy-Metal-Fans sollen gezielt neues Publikum auf den Geschmack bringen. Die Branche sucht "Repeater": Wiederholungstäter. Laut DRV sind die Kreuzfahrer im Schnitt 49 Jahre. Dennoch ist das ältere Publikum noch essenziell für Anbieter. Die Reiseanalyse des Vereins Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen hat ermittelt, dass von den Deutschen, die in den vergangenen drei Jahren eine Kreuzfahrt gemacht haben, fast die Hälfte, 48,5 Prozent, älter als 60 Jahre war.

Und die Flusskreuzfahrt? Wenn der Deutsche Reiseverband Zahlen vorlegt, wird sich zeigen, wie sie mit der Mehrwertsteuererhöhung klargekommen ist, die seit Anfang 2012 gilt - der Satz stieg von sieben auf 19 Prozent. Insidern zufolge lief der Markt schlechter als zuvor. Im Jahr 2011 waren noch fast eine halbe Million Deutsche auf Flüssen unterwegs gewesen, das Wachstum war schon damals deutlich geringer als auf hoher See. Bernhard Jans von der Forschungsgruppe Kreuzfahrt der TU Dresden schreibt in einer E-Mail (er befindet sich gerade selbst auf Kreuzfahrt), auf den Flüssen gebe es "größere Auslastungsprobleme". Auch auf Binnenkreuzfahrten werde Entertainment immer wichtiger, sagt DRV-Experte Vogel: "Das ist ja mittlerweile deutlich mehr, als an der Loreley entlangzuschippern."

Ein lukratives internationales Reiseziel ist indes gerade dabei, der Kreuzfahrtbranche wegzubrechen: Wegen der Gewaltausbrüche und der unsicheren Lage in Ägypten hat Norwegian Cruise Line verkündet, Ägypten bis 2015 nicht mehr anzusteuern. Aida hat Ausflüge zum unruhigen Tahrir-Platz in Kairo bereits gestrichen.

Trotz solcher Widrigkeiten: Das Geschäft boomt. Wie lange noch, ist offen. Professor Papathanassis glaubt nicht an endloses Wachstum: "Ich gehe davon aus, dass erst der US-Markt, in 15 Jahren auch der EU-Markt stagnieren wird." Bis dahin gibt es aber noch viel Geld zu drucken auf hoher See - mit dem Erfolg dürften auch die Touristen kritischer werden.

© SZ vom 07.02.2013/jab
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