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Kreditklemme:Chinas Banken geht das Geld aus

Billionen Dollar auf der hohen Kante und trotzdem wird das Geld knapp: Chinesische Banken vergaben wie wild Kredite, jetzt holt sie die Vergangenheit ein. Die Zentralbank will ihnen eine Lektion erteilen. Ein riskantes Spiel.

In China wird das Geld knapp. Das klingt geradezu absurd. Die Volksrepublik hat schließlich Währungsreserven in Höhe von 3,3 Billionen Dollar auf der hohen Kante. Dennoch steckt das Bankensystem offenbar in einer akuten Liquiditätskrise.

Die Bank of China dementierte bereits einen chinesischen Medienbericht, sie sei bei der Rückzahlung eines Kredits eine halbe Stunde im Verzug gewesen.

Fakt jedoch ist, dass der Zinssatz für kurzfristige Kreditgeschäfte zwischen den Banken im Laufe dieser Woche drastisch in die Höhe schnellte. Der sogenannte Reposatz war am Donnerstag auf 11,62 Prozent geklettert und dokumentierte damit die mangelnde Bereitschaft der Banker, der Konkurrenz von heute auf morgen Geld zu borgen. Das Misstrauen untereinander ist groß.

Die chinesische Zentralbank verzichtete darauf, frisches Geld in den Kreislauf zu pumpen, um damit einem Engpass der Geldhäuser vorzubeugen. Das ist riskant, weil ein Kreditausfall an einer einzigen Stelle eine Kettenreaktion auslösen kann, wenn eine andere Bank auf genau dieses Kapital angewiesen ist, um ihre eigenen Schulden pünktlich zu begleichen.

Doch die Zentralbank ist das Risiko wohl bewusst eingegangen - auch um ein Signal an die Geldinstitute zu senden. Bestenfalls ziehen die Banken nämlich ihre Konsequenzen aus der heiklen Situation und verleihen ihr Kapital weitsichtiger, statt sich ständig auf Geldspritzen von oben zu verlassen.

Zumal die Geldhäuser zum aktuellen Zeitpunkt mit einer entsprechenden Klemme hätten rechnen können. Das Ende des Quartals naht. Dann sind die Banken gefordert, ihre Mindestreserven nachzuweisen, so wie es ihnen die Zentralbank vorschreibt. Außerdem haben die chinesischen Feiertage rund um das Drachenbootfest Mitte Juni die Geschäftstätigkeit im Land verlangsamt, was sich auch auf die Liquidität auswirkt.

Immerhin entspannte sich am Freitag die Situation zumindest etwas, weil der Reposatz auf 8,33 Prozent fiel, was immer noch einige Prozentpunkte über dem üblichen Zinssatz liegt. Doch der Monat ist ja noch nicht zu Ende. Die Ratingagentur Fitch hat ausrechnet, dass in den kommenden anderthalb Wochen rund 1,5 Billionen Yuan - umgerechnet 186 Milliarden Euro - fällig werden, die Banken an Anleger in Renten- oder Lebensversicherungen auszahlen müssen. Bleibt die Zentralbank bei ihrem harten Kurs, könnte es für die eine oder andere Bank noch eng werden.

Rekordkreditvergabe der Jahre 2009 und 2010

So oder so ist die Entwicklung ein weiteres Warnsignal für die mögliche Instabilität des chinesischen Finanzsystems, vor dem Experten schon seit Jahren warnen. Seit der Rekordkreditvergabe der Jahre 2009 und 2010 als Antwort auf die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise knarzt es im Gebälk der Bankenstatik.

Hintergrund ist die wachsende Sorge vor Kreditausfällen, weil unzählige Milliardenprojekte im Land von den Banken finanziert wurden, ohne dass die Geldhäuser die Wirtschaftlichkeit dieser Projekte auf Herz und Nieren geprüft hätten. Seitdem häufen sich Meldungen über steigende Schulden der lokalen Kommunen und deren Probleme, dafür im vorgesehenen Zeitrahmen gerade zu stehen. Mit ihr wächst die Sorge um die Liquidität der chinesischen Banken.

Die Meinungen über die Größe der Gefahr driften weit auseinander. Manche Analysten fürchten schon ein Erdbeben, das Chinas Volkswirtschaft in den Abgrund reißt - und große Teile der übrigen Welt mit ihr. Doch es gibt auch andere Meinungen, die davon ausgehen, dass schlimmstenfalls die chinesische Regierung mit ihren riesigen Devisenreserven alle finanziellen Löchern stopfen wird.

Doch auch das bliebe nicht ohne schmerzliche Folgen für die chinesische Wirtschaft und für das Vorhaben einer Internationalisierung des Renminbi. China will seine Währung als alternative Reservewährung zum US-Dollar positionieren, um sich geopolitisch größeren Einfluss zu sichern. Eine chinesische Finanzkrise würde diesem Plan einen kräftigen Dämpfer versetzen.