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US-Zinspolitik:Die alten Regeln der Notenbanker stimmen nicht mehr

Federal Reserve Board Chairwoman Janet Yellen Testifies To House Financial Committee On State Of Economy

Fed-Chefin Janet Yellen bei einer Anhörung im US-Parlament

(Foto: AFP)

In der US-Wirtschaft unter Trump passieren seltsame Dinge. Deshalb steht die Notenbank Fed jetzt vor einer folgenschweren Entscheidung.

Die Meinung zu ändern, hat Politikern und Spitzenbeamten im Laufe der Geschichte noch selten zum Vorteil gereicht. In der Mediendemokratie des späten 20. Jahrhundert fing man sich rasch den Ruf eines "Umfallers" ein, seit Trump und die AfD den öffentlichen Diskurs beeinflussen, ist gar von Landesverrat die Rede. Statt den eigenen Standpunkt im Lichte sich verändernder Fakten zu überdenken, werden die Fakten heute an den Standpunkt angepasst.

Dabei ist es ein Zeichen von Klugheit, Überzeugungen regelmäßig zu hinterfragen. Im tarifvertragstreuen Deutschland der Achtzigerjahre etwa wäre die Einführung eines Mindestlohns Unfug gewesen. Mit der deutschen Einheit, den Hartz-Reformen und der Schaffung eines Niedriglohnsektors wurde die Lohnuntergrenze Jahre später beinahe zwingend.

Die US-Notenbanker müssen jetzt umdenken

An einem solchen Scheideweg steht derzeit auch die US-Notenbank Fed, deren zinspolitischer Ausschuss am Mittwoch tagt. Dreimal schon haben Janet Yellen und ihre Kollegen seit Dezember ihren Leitsatz angehoben, bis Ende 2019 sollen sieben weitere Schritte folgen. Damit wollen die Währungshüter nicht nur die Nullzinsphase hinter sich lassen und auf ein Ausgangsniveau zurückkehren, das vor der Finanzkrise als normal galt. Sie reagieren auch auf den starken Rückgang der Arbeitslosigkeit, der nach allem Lehrbuchwissen schon bald zu höheren Löhnen und Preisen führen wird.

Die Art und Weise, wie die Fed die zinspolitische Wende bisher gemanagt hat, war richtig und angemessen - zeitweise erschien gar ein noch beherzteres Vorgehen sinnvoll. Seit einigen Monaten jedoch passieren seltsame Dinge in der US-Wirtschaft, die dem Lehrbuch zuwiderlaufen und alte geldpolitische Glaubenssätze infrage stellen: Obwohl die Beschäftigung weiter steigt und das Wirtschaftswachstum zuletzt die Drei-Prozent-Marke knackte, scheint der Trend zu immer höheren Teuerungsraten gestoppt. Ja, mehr noch, die Inflation sinkt sogar wieder. Mit nur noch 1,4 Prozent liegt die Rate mittlerweile wieder deutlich unter der Zielmarke der Fed von zwei Prozent.

Yellen hat den Rückgang bisher mit temporären Faktoren wie niedrigeren Preisen für Mobilfunkverträge und Arzneien begründet und erklärt, sie halte an ihrer bisherigen Strategie fest. Doch auch wenn es diese Faktoren zweifellos gibt: Erklären können sie das Phänomen nicht. Die Tatsache, dass die Inflation selbst in Ländern wie Kanada nicht in Fahrt kommt, in denen das Wirtschaftswachstum noch viel höher ist als in den USA, spricht eher dafür, dass sich im Zuge der Finanzkrise, der Globalisierung und der Digitalisierung etwas im volkswirtschaftlichen Gesamtgefüge verändert hat.

Weil die Löhne kaum steigen, müssen die Firmen die Preise nicht erhöhen

Dabei kommen mehrere Faktoren zusammen. US-Firmen etwa konkurrieren heute nicht mehr nur mit deutschen und kanadischen, sondern auch mit mexikanischen und chinesischen. Damit haben sie einen Teil ihrer früheren Preissetzungsmacht an Billiglohnländer abgetreten. Zudem können die Kunden Preise über Internetportale viel leichter vergleichen als früher. Das Ergebnis ist ein verändertes Konsumverhalten nach dem Motto: "Ich lasse mich im Geschäft nebenan beraten und kaufe dann bei Amazon." Das zwingt den stationären Einzelhandel ebenso zu Preissenkungen wie die Tiefstpreisgarantien selbst drittklassiger Online-Shops.

Dazu kommt, dass die Gewerkschaften durch Mitgliederschwund und Deregulierungspolitik vielerorts ihrer Macht beraubt wurden, hohe Lohnzuwächse durchzusetzen. Zugleich werden viele Branchen von Veränderungen erschüttert, die Gewinne und Löhne alteingesessener Firmen und ihrer Mitarbeiter belasten. Mittlerweile perpetuieren sich niedrige Lohn- und Preissteigerungen schon gegenseitig: Weil die Inflation gering ist, haben Beschäftigte kaum Argumente für hohe Lohnforderungen. Weil aber die Löhne kaum steigen, müssen die Firmen auch die Preise nicht erhöhen.

Für Notenbanker heißt all das, dass in wirtschaftlichen Aufschwungphasen die Inflationsgefahr weniger groß ist als früher. Das ist eigentlich eine gute Nachricht, denn damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kreditzinsen länger auf einem niedrigen, wachstumsfreundlichem Niveau verharren. Es bedeutet umgekehrt aber auch, dass die Rückkehr zu höheren Habenzinsen, die etwa für die Altersvorsorge dringend vonnöten wäre, schwieriger wird als angenommen.

Die Fed muss die kommenden Monate nutzen und prüfen, ob die alten geldpolitischen Mechanismen und Überzeugungen noch stimmen. Bis ein Ergebnis vorliegt, sollte sie auf weitere Zinserhöhungen verzichten. Das wäre kein Umfallertum, es wäre ein Zeichen von Klugheit.

© SZ vom 20.09.2017/mahu
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