Energie Wo der Kohleausstieg beginnen soll

Dampf steigt aus den Kühltürmen des RWE-Braunkohlekraftwerks Niederaußem in Nordrhein-Westfalen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)
  • Den Anfang macht das Rheinland: In den kommenden drei Jahren soll der Bund dort Braunkohleblöcke mit einer Leistung von 3,1 Gigawatt stilllegen.
  • Das muss der Bund allerdings noch mit dem Essener RWE-Konzern aushandeln.
  • Die Reviere in Ostdeutschland bleiben zunächst verschont - doch 2025 könnte auch dort der Ausstieg beginnen.
Von Michael Bauchmüller, Berlin

Der 27. Juni 1965 war ein sonniger Sommersonntag. Die Saarländer gingen zur Wahl und bescherten Union und SPD satte Zugewinne. Und die Rheinländer staunten über den technischen Fortschritt. In Niederaußem, am Rande des Tagebaus Hambach, ging Block C in Betrieb, ein moderner Dampfkessel. Heute ist er fast 54 Jahre alt, hoffnungslos überaltert - und läuft immer noch.

Seit diesem Wochenende sind seine Tage gezählt. Nach mehr als 20 Stunden Verhandlungen hatte sich die Kohlekommission in der Nacht zu Samstag auf den Fahrplan für den fossilen Ausstieg geeinigt. Bis 2038, womöglich schon bis 2035, soll die Kohlekraft in Deutschland Geschichte werden. Im Jahr 2030 soll die Leistung der Braunkohle-Kraftwerke von derzeit 18,7 auf neun Gigawatt sinken, die der Steinkohle-Kraftwerke von 21 auf acht Gigawatt. Während die Steinkohlekraftwerke über das Land verstreut sind, findet sich Braunkohle nur in drei Regionen im Land: im Rheinland, in der Lausitz und im mitteldeutschen Revier.

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Den Anfang macht das Rheinland - und das wahrscheinlich auch zugunsten des Hambacher Forsts. Denn nach Willen der Kommission soll die Bundesregierung "die bestehenden strukturellen Unterschiede der unterschiedlichen Bergbauregionen" berücksichtigen. Das wirtschaftlich stärkere Rheinland verkraftet so einen Ausstieg leichter.

In den kommenden drei Jahren soll der Bund Braunkohleblöcke mit einer Leistung von 3,1 Gigawatt stilllegen. Die Namen Niederaußem und Neurath stehen nirgends in dem Bericht. Doch dort finden sich die ältesten Blöcke, und zufälligerweise addieren sie sich auf knapp 3,1 Gigawatt. Neben Block C sind das noch drei weitere Blöcke in Niederaußem. Im Kraftwerk Neurath, das seine Kohle aus dem Tagebau Garzweiler bezieht, sind die Blöcke A, B und D schon jenseits der 45 Jahre alt. Die beiden Kraftwerke, die jeweils auch über jüngere Blöcke verfügen, sind die klimaschädlichsten Deutschlands: Mehr als sechs Prozent aller CO₂-Emissionen gehen auf ihr Konto. Nun soll hier der Kohleausstieg beginnen.

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Aushandeln muss das der Bund mit den Unternehmen, im Rheinland also mit dem Essener RWE-Konzern. Dessen Chef Rolf Martin Schmitz hatte zuletzt ohnehin "die neue RWE" ausgerufen, die sich stärker auf erneuerbare Energien konzentrieren soll. Und gegenüber der Rheinischen Post angekündigt: "Ich rechne mit einem signifikanten Abbau bereits bis 2023, der weit über die bisherigen Planungen und das durch normale Fluktuation mögliche hinaus geht. Dies betrifft unmittelbar bis Ende 2022 die Mitarbeiter der zu schließenden Kraftwerke." Obendrein soll der Bund nach dem Willen der Kommission "eine einvernehmliche Vereinbarung auf vertraglicher Grundlage" anstreben. Es müssten nun mit der Politik Lösungen gefunden werden, "bei denen weder den Beschäftigten noch dem Unternehmen Nachteile entstehen", sagt Schmitz. Die Börse setzt jetzt schon auf gute Entschädigungen: Die RWE-Aktie legte seit Mitte voriger Woche um neun Prozent zu - da war der erste Entwurf der Einigung durchgesickert.

Der Einstieg im Rheinland hat einige Symbolkraft. Werden in Niederaußem Blöcke stillgelegt, kann auch der Tagebau Hambach schrumpfen. Dort war zuletzt der Hambacher Wald umkämpftes Symbol für den Raubbau geworden. "Die Kommission hält es für wünschenswert, dass der Hambacher Forst erhalten bleibt", heißt es nun im Beschluss der Kommission.