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Umweltschutz:Vorschläge der Luftfahrt sollen nur echte Politik vereiteln

Flugzeug

Der Luftverkehr schadet der Umwelt. Die Politik muss dieses Problem angehen, Selbstverpflichtung wirkt da nicht.

(Foto: Boulder / photocase.com)

Beim Klimaschutz kommt jetzt auch die Flugindustrie mit eigenen Ideen. Dahinter steckt eine alte Taktik, die der Umwelt wenig hilft.

Endlich! Die deutsche Luftfahrt will grün werden, richtig sauber. Die klimaschädlichen Emissionen sollen auf null sinken, irgendwann. Pilotprojekte sollen helfen, Kerosin durch saubere Alternativen zu ersetzen - natürlich mit finanzieller Unterstützung durch den Bund. Fluggäste sollen ihren ökologischen Fußabdruck in der Erdatmosphäre kompensieren können. Es sind lauter Vorschläge aus der Branche selbst. Und alles auf rein freiwilliger Basis, versteht sich.

Nur, leider: Der Trick ist alt. Wie sich lästige Auflagen durch scheinbare Umkehr abwenden lassen, darin haben die Kollegen in anderen Verkehrsbereichen einige Raffinesse entwickelt. Die Automobilindustrie etwa entdeckte den Segen des Biosprits just zu der Zeit, als die Europäer über strengere CO₂-Vorgaben nachdachten. Mit Erfolg: Die Auflagen wurden nicht ganz so streng, unter Anrechnung der sauberen Treibstoffe. Kurz darauf entbrannte eine fieberhafte Diskussion über "Teller oder Tank": Die neue Nachfrage nach Flächen und Pflanzen löste andernorts Mangel und Hunger aus. So verschwand der Biosprit schnell wieder. Die Vorgaben aber blieben.

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Ähnlich bei "E 10", dem Sprit mit zehnprozentiger Ethanol-Beimischung. Auch er sollte helfen, das Klima zu schützen - vorausgesetzt freilich, die Autofahrer tanken ihn. Doch dann entstanden Zweifel, der Kraftstoff könnte die Motoren schädigen, und niemand zerstreute sie. Der Preisvorteil blieb gering. Bis heute führt der etwas grünere Sprit ein Nischendasein. Aber soll keiner sagen, Auto- und Mineralölindustrie hätten es nicht versucht.

Fortschritts-Versprechen sollten den Fortschritt verhindern

Und auch das Elektroauto erlebte seinen medialen Boom immer dann, wenn der klimapolitische Druck wuchs. Einmal in den frühen Neunzigern, dann zu Beginn dieses Jahrzehnts. Stets waren Dutzende Modelle zum Greifen nah, die aber seltsamerweise nie in die Autohäuser kamen. Diese Fortschrittsversprechen hatten vor allem eine Funktion: Sie sollten Fortschritt verhindern. Nicht viel anders verhält es sich mit den klimafreundlichen "Kraftstoffen der dritten Generation" und der Brennstoffzelle. Es sind Würste, die der Politik vor die Nase gehalten werden, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt - nämlich darauf, tatsächlich mal Politik zu machen.

Wie sehr die Luftfahrt dem Klima schadet, und wie wenig sich ihre Zuwachsraten mit den Zielen und Zwängen der Weltgemeinschaft vereinbaren lassen, ist der Branche selbst lange bekannt. Dennoch kommen die Vorschläge erst jetzt, in einer Phase, in der sich die große Koalition sehr ernsthaft mit Antworten auf das Klimaproblem befasst. Das ist gewiss kein Zufall.

All die schönen Vorschläge könnten seit Jahren auf dem Tisch liegen, nun aber dienen sie nur einem Ziel: Sie sollen harte Regeln vereiteln. Nicht umsonst warnt die Branche auch flugs, nationale Steuern, Abgaben oder Verbote seien "ökologisch und ökonomisch kontraproduktiv". Der Verdacht liegt nah, dass hier die Ökonomie vor der Ökologie steht.

Die große Koalition sollte sich von den Angeboten nicht blenden lassen

Wenn es der Luftfahrtindustrie ernst ist mit dem Klimaschutz, dann müsste sie aber Aufpreise, die sich am Treibhausgasausstoß bemessen, nicht fürchten. Werden die Flugzeuge tatsächlich effizienter, und finden sich Alternativen zum Kerosin, dann schrumpft auch die Steuerlast. Die Gelegenheit ist diesmal sogar günstig, solche Steuern zusammen mit anderen Staaten Europas zu erheben, Partner dafür gäbe es in der EU. Der Luftfahrt droht so genau jene Allianz der Willigen, die sie zu verhindern versucht.

Die große Koalition sollte die Angebote der Branche dankend annehmen - sich davon aber nicht blenden lassen. Es gibt für die Branche derzeit kaum einen Anreiz, ernsthaft etwas fürs Klima zu tun. Es sei denn, die Politik setzt einen.

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