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Japan:Liebe zum Schein

Images Of Won And Yen Banknotes At The Korea Exchange Bank

Yukichi Fukuzawa, ein Philosoph, ist auf den japanischen 10 000-Yen-Geldscheinen abgebildet.

(Foto: SeongJoon Cho/Bloomberg)

Der 10 000-Yen-Schein ist im Trend. Gewinnt die gute alte Banknote gegen das gesichtslose Bezahlen mit Kreditkarte oder Smartphone?

Von Thomas Hahn, Tokio

Der japanische Philosoph Yukichi Fukuzawa interessierte sich nie besonders für den zählbaren Reichtum. Seine Botschaft zu Lebzeiten im 19. Jahrhundert lautete sinngemäß: Der Geldschein trügt, wichtiger ist der Wert guter Erziehung. Unter anderem deshalb ist Fukuzawa heute ein fester Bestandteil des japanischen Bargeldverkehrs. So verehrt ist er im Inselstaat nämlich als einer der Gründer des modernen Japan, dass sein Konterfei die 10 000-Yen-Note schmückt, die umgerechnet rund 78 Euro wert ist. Die jüngste Entwicklung um Japans wertvollsten Geldschein ist so gesehen auch eine Hommage an Fukuzawa. Denn diese ist gerade so beliebt wie lange nicht mehr. Das gute Geld gewinnt gegen das gesichtslose Bezahlen mit Kreditkarte oder Smartphone. Oder?

Jedenfalls berichtet die Zeitung Asahi mit Verweis auf Zahlen der Zentralbank, dass im vergangenen Jahr 5,3 Prozent mehr 10 000-Yen-Scheine im Umlauf waren als 2019. Der Wert dieser Scheine habe 110 Billionen Yen betragen, umgerechnet 860 Milliarden Euro, eineinhalbmal so viel wie vor zehn Jahren. Das wirkt wie ein Widerspruch zum Zeitgeist der Bargeldlosigkeit, der doch gerade in der Pandemie mit ihren Abstandsregeln um sich gegriffen haben müsste.

Japans Menschen lieben ihre Scheine. In der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt setzt sich das bargeldlose Zahlen eher schleppend durch. Es ist vielen Leuten hier lieber, dass sie direkt sehen, wie ihr Geld beim Einkaufen weniger wird, statt sich auf die trügerische Zauberei des unsichtbaren Yen-Flusses einzulassen. Außerdem ist das Land anfällig für Naturkatastrophen: Erdbeben, Tsunamis, Taifune, denen lange Stromausfälle folgen können. Auf Geldautomaten verlässt man sich deshalb nicht so gerne und behält lieber eine gewisse Summe zurück. Tansu Yokin heißt die Praxis im Japanischen - wörtlich: Kleiderschrank-Einlage.

Die Pandemie hat dieses Vorsorge-Prinzip gestärkt. Glaubt zumindest Hideo Kumano vom Dai-ichi-Life-Forschungsinstitut. Der Trend zur 10 000-Yen-Note ist für ihn "ein Spiegel für das wachsende Gefühl von Angst in der Welt". Dem Aufruf zu weniger Bankbesuchen folgt man in Japan eben auf seine Weise: indem man mehr Geld zu Hause aufbewahrt. Dazu kommt, dass Japans Regierung 2020 allen mit Wohnsitz im Land jeweils eine Coronahilfe von 100 000 Yen auszahlte. Bar.

Der Trend zur Banknote betrifft allerdings nur die großen Scheine. Eben jene, die man beim Abheben bekommt und dann aufbewahrt. Der Umlauf von 1000-Yen-Scheinen ging 2020 leicht zurück. Vermutlich, weil weniger Wechselgeld gebraucht wurde. Das wiederum hat damit zu tun, dass das bargeldlose Bezahlen in Japan zwar langsam, aber letztlich eben doch beliebter wird. Nur 20 Prozent des Zahlungsverkehrs lief hier 2016 bargeldlos ab. Japans Regierung will die Quote bis 2025 auf 40 Prozent steigern. Umfrageergebnisse und gestiegene Online-Shopping-Anteile deuten darauf hin, dass die Pandemie hilft, dieses Ziel zu erreichen.

Japan hat also gerade beides: einen Trend zum Geldschein und einen zum bargeldlosen Bezahlen. Tradition und Moderne laufen nebeneinander her. Yukichi Fukuzawa hätte das sicher spannend gefunden.

© SZ
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