Geldpolitik:Lagarde glaubt an kurzzeitige Inflation

Geldpolitik: Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde sieht derzeit trotz hoher Inflation keinen Grund, die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zu beenden.

Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde sieht derzeit trotz hoher Inflation keinen Grund, die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zu beenden.

(Foto: Daniel RolandD/AFP)

Die Preise steigen, aber die EZB-Chefin hält an der lockeren Geldpolitik fest. Andere Zentralbanken haben bereits einen Kurswechsel angekündigt.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Die Europäische Zentralbank wird ihre lockere Geldpolitik bis auf weiteres fortsetzen. Man könne "geduldig" bleiben, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde zur Eröffnung des EZB-Zentralbankforums am Dienstag. "Wir sehen keine Signale, dass sich der aktuelle Inflationsschub auf breiter Basis etabliert", so Lagarde. Die aktuell steigenden Preise - im August waren es in der Eurozone drei Prozent - seien vorübergehender Natur. Die Bundesbank erwartet für Deutschland, dass in den nächsten Monaten sogar vier bis fünf Prozent möglich sind. Die Inflationsrate war wegen steigender Benzin- und Nahrungsmittelpreise im August mit 3,9 Prozent so hoch ausgefallen wie seit 28 Jahren nicht mehr.

Lagarde sagte, die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie hätten zu "Angebotsverknappung in bestimmten Sektoren geführt". Sobald diese Effekte abklängen, würde die Inflation auch wieder sinken. Lagarde rechnet bis Jahresende mit einer Erholung des Bruttoinlandsprodukts auf das Vor-Corona-Niveau. Es handele sich um die stärkste wirtschaftliche Erholung seit 1975. Dennoch werde man an der lockeren Geldpolitik festhalten, um die Eurozone sicher aus der Corona-Krise zu führen. Die EZB hat ein Rettungsprogramm in Höhe von 1,85 Billionen Euro aufgelegt. Dieses Not-Anleihekaufprogramm dürfte im März 2022 wie avisiert auslaufen. Doch die EZB wird auch danach noch Staatsanleihen kaufen. Ebenso dürften die Währungshüter die Nullzinspolitik vorerst beibehalten.

Die globalen Finanzmärkte müssen sich allerdings darauf einstellen, dass andere Zentralbanken der westlichen Welt die Ära des ultrabilligen Geldes angesichts der steigenden Inflationsraten schneller beenden werden. Auch in Großbritannien und den USA liegen die Preisschübe zum Teil deutlich über den Zielwerten von maximal zwei Prozent.

Andere Zentralbanken haben bereits eine straffere Geldpolitik angekündigt

Während die EZB zögert, haben die Bank of England und die amerikanische Federal Reserve bereits angekündigt, ihre Geldpolitik zu straffen. In Großbritannien stieg die Inflationsrate im August auf 3,2 Prozent. Das war die höchste Rate seit März 2012. Die britische Notenbank rechnet mit einer Inflationsrate von bis zu vier Prozent. Die erste Zinserhöhung könnte bereits im Frühjahr 2022 kommen. In den USA liegt die Inflationsrate bei fünf Prozent, und sie werde in den kommenden Monaten vermutlich erhöht bleiben, bevor sie zurückgehe, sagte Fed-Chef Jerome Powell. Die Federal Reserve möchte ihre Wertpapierkäufe von 120 Milliarden Dollar je Monat demnächst reduzieren. Auch eine rasche Anhebung des Leitzinses ist möglich.

"In der Euro-Zone fehlt in einigen Sektoren der Nachschub, manche Güter werden knapp. Das treibt die Preise. Wir erleben also eine Angebotsinflation. Dagegen kann die EZB direkt nichts machen", sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis. Diese Engpässe sollten nach Meinung des Experten bald verschwinden, was die Inflation wieder absenken würde. "In den USA ist die Lage anders. Dort sieht man Anzeichen einer Nachfrageinflation. Die Verbraucher kaufen wieder so viel ein wie vor der Pandemie. Auch auf dem Arbeitsmarkt wird es so knapp, dass die Löhne stärker steigen. Deshalb reagiert die Fed früher als die EZB", so Schumacher.

Unterdessen hat Norwegen als erstes Industrieland seit Ausbruch der Corona-Pandemie den Leitzins angehoben, und zwar von null auf 0,25 Prozent. Andere Länder sind vorsichtiger. Die schwedische Reichsbank möchte den Nullzins bis 2024 beibehalten. Auch die Schweiz hält an ihrem Negativzins von 0,75 Prozent fest.

Durch die lockere Geldpolitik wurden die Reichen noch reicher

Die Notenbanken sind verunsichert. Die Finanzwirtschaft hat sich an das billige Geld gewöhnt. Eine allzu abrupte oder schlecht kommunizierte Anhebung könnte an den Börsen Turbulenzen auslösen. Mit ihrer lockeren Geldpolitik haben die Notenbanken geholfen, die wirtschaftlichen Folgen der globalen Finanzkrise 2008, der Euro-Schuldenkrise 2012 und der Corona-Pandemie 2020 einzudämmen. Das billige Geld forcierte die Erholung der Wirtschaft. Es entstanden neue, auch gut bezahlte Jobs. Zugleich veränderte sich jedoch die Vermögensverteilung in der Gesellschaft. Die Reichen wurden noch reicher. Die Nullzinspolitik ermöglichte die günstige Kreditaufnahme zum Erwerb von Immobilien und sorgte dafür, dass die Aktienkurse stark angestiegen sind. Privathaushalte mit geringen Einkommen können sich den Kauf von Aktien und Immobilien allerdings kaum leisten.

Die Eurozone ist aufgrund ihrer Struktur besonders auf die Notenbank angewiesen. Das hat die Euro-Schuldenkrise gezeigt, die erst durch Mario Draghis "Whatever it takes"-Versprechen entschärft werden konnte. "Die EZB hat im Krisenfall auch eine wichtige Stabilisierungsrolle für die Refinanzierungsbedingungen der einzelnen Staaten", sagt Chefvolkswirt Schumacher. "Da die Finanzmärkte zum Übertreiben neigen, kann es unter Umständen notwendig sein, dass die EZB mit Käufen verhindert, dass es zu einer sich selbst verstärkenden Spirale kommt." Womöglich reiche aber schon ihre Ankündigung zu kaufen, um eine Stabilisierung zu erreichen.

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