Inflation:Hilfe, es geht aufwärts

Eine Kundin sucht in den Regalgängen der Konservenabteilung in einem Supermarkt in Hamburg Deutschl

Supermarkt im Hamburg der 1960er: Dass am Anfang des Weges zu Demokratie und Wohlstand eine stabile Währung stand, ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen fest verankert.

(Foto: imago)

Die Inflation steigt mit 3,8 Prozent so stark wie seit 25 Jahren nicht mehr. Das ist vermutlich nur ein vorübergehendes Phänomen - und weckt dennoch alte Ängste.

Von Nikolaus Piper

Paul Krugman hat in der Regel keine sehr hohe Meinung von den Deutschen und ihrem Umgang mit Geld. Es sei verrückt, sich jetzt in Europa wegen der Inflation Sorgen zu machen, sagte der Nobelpreisträger aus New York im Interview der Süddeutschen. Die höhere Rate der Geldentwertung sei ein vorübergehendes Phänomen. Krugmans Aussage war durchaus vorausschauend. Wenige Tage danach veröffentlichte das Statistische Bundesamt die Schätzung für die Inflation im Juli. Sie ist unerwartet hoch ausgefallen und geeignet, alte Ängste in Deutschland zu wecken, ganz im Sinne von Krugman. "Inflations-Schock" hieß es etwa auf der Titelseite der Bild-Zeitung.

Zunächst die Zahlen: Die Teuerung ist im Juli auf 3,8 Prozent gestiegen - das ist der höchste Wert seit 25 Jahren und mehr, als Experten erwartet hatten. Im Laufe des Jahres könnte die Inflation sogar noch fünf Prozent erreichen, glaubt der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann. Drei wesentliche Ursachen gibt es dafür: Erstens ist die Senkung der Mehrwertsteuer ausgelaufen. Sie war im Juli 2020 zur Stützung der Konjunktur eingeführt worden. Jetzt gelten wieder die alten Sätze von 19 und sieben Prozent, was sich natürlich in der Statistik niederschlägt. Zweitens ist Energie teurer geworden, weil der Preis für Erdöl steigt und weil CO₂ mit einer Abgabe belegt wurde. Drittens gibt es Lieferengpässe, zum Beispiel bei Mikroprozessoren. All das sind, wie Krugman schon gesagt hatte, vorübergehende Phänomene. Im kommenden Jahr werde die Inflation wieder auf zwei Prozent zurückgehen, sagt das Münchner Ifo-Institut voraus. Kein Ökonom fordert daher, die Europäische Zentralbank (EZB) müsse wegen der neuen Zahlen den Euro verknappen.

So weit die ökonomische Seite des Problems. Es gibt aber auch eine soziale und eine sozialpsychologische Seite. Erstmals seit zehn Jahren werden die Tariflöhne 2021 langsamer steigen als die Verbraucherpreise, hat das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) in Düsseldorf errechnet. Für die Arbeitnehmer, die mit Lohnsteigerungen von 1,6 Prozent rechnen können, bedeutet das einen realen Kaufkraftverlust. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat bereits Lohnerhöhungen gefordert. Es sei nicht akzeptabel, "dass viele Arbeitgeber ihre krisenbedingten oder selbst verschuldeten Probleme durch geringere Entgeltsteigerungen auf die Beschäftigten abzuwälzen versuchen und Beschäftigte Kaufkraftverluste hinnehmen sollen". Sollten die Gewerkschaften damit Erfolg haben, könnte sich die Inflation verfestigen, wie die Erfahrung der 1970er-Jahre lehrt.

Über Inflation wird in Deutschland nervöser diskutiert als etwa in den USA

Und dann gibt es die deutsche Geschichte und ihre Konsequenzen für die Stabilitätskultur der Bundesrepublik. Man kann sich darüber streiten, wie sehr das Trauma der Hyperinflation von 1923, als Millionen Deutsche ihr Erspartes verloren, wirklich noch im kollektiven Gedächtnis steckt. Krugman weist zu Recht darauf hin, dass Hitler 1933 nach einer Deflation an die Macht kam, also dem katastrophalen Verfall der Preise und damit dem genauen Gegenteil einer Inflation. Ganz sicher spielt aber im Gedächtnis die Nachkriegszeit eine Rolle, die Erfahrung, dass am Anfang des Weges zu Demokratie und Wohlstand eine stabile Währung stand. Die Ostdeutschen erfuhren am 1. Juli 1990 bei der Einführung der D-Mark in der DDR, was es heißt, richtiges Geld zu besitzen.

Die Europäische Währungsunion und die Einführung des Euro waren nach diesen Erfahrungen in Deutschland nur durchsetzbar, weil die EZB die deutsche Stabilitätskultur übernahm. Deren offizieller Auftrag ist es, für Preisstabilität zu sorgen - und für nichts anderes. Ein deutlicher Unterschied zur amerikanischen Federal Reserve, die laut ihrem Mandat "maximale Beschäftigung, stabile Preise und moderate langfristige Zinsen" anstreben soll. Eine Folge der deutschen Stabilitätskultur ist auch die Schuldenbremse im Grundgesetz, die seit 2011 Bund und Länder verpflichtet, in normalen Zeiten ihre Haushalte auszugleichen.

Über Inflation wird in Deutschland daher anders und nervöser diskutiert als etwa in Großbritannien oder in den Vereinigten Staaten, wo die Teuerung bereits im Juni auf 5,4 Prozent gestiegen ist. Präsident Joe Biden kümmert sich um diese Zahlen nicht, sondern setzt darauf, dass die amerikanische Wirtschaft aus der Krise herauswächst. Um sein riesiges Investitionsprogramm finanzieren zu können, soll sich der Staat massiv neu verschulden, das Defizit wird dieses Jahr auf 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen (Deutschland: 7,5 Prozent). Zwar gibt es einzelne Kritiker, die fürchten, Biden könnte des Guten zu viel tun und eine Inflationsspirale in Gang setzen. Die Finanzmärkte teilen diese Furcht aber nicht. Anleger kaufen unverdrossen amerikanische Staatsanleihen, obwohl sie bei einem Zins von 1,25 Prozent viel Geld verlieren. Deutsche Bundesanleihen haben sogar eine Negativverzinsung von 0,45 Prozent und sind trotzdem gefragt.

Hätten die Märkte Angst, dass sich die Inflation festsetzt, wären die Ergebnisse ganz andere.

© SZ
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