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Hongkong:Der große Irrtum im Umgang mit China

Proteste in Hongkong

Hongkong am vergangenen Wochenende: Demonstranten schützen sich mit Gasmasken gegen die Tränengas-Angriffe der Polizei.

(Foto: Kin Cheung/dpa)

Es hieß, auf wachsenden Wohlstand werde Demokratie folgen. Der Konflikt in Hongkong ist der letzte Gegenbeweis. Für internationale Unternehmen in China beginnt ein gefährliches Spiel.

Hongkong ist in Aufruhr: Seit Wochen Demonstrationen, Gummigeschoss-Salven und Tränengas. Die Zukunft eines der wichtigsten Handelsplätze der Welt ist ungewiss. Hongkong mag weit weg erscheinen, doch für kaum ein anderes Land ist der Ausgang der Krise so entscheidend wie für die Exportnation Deutschland. Als Markt ist Hongkong nicht sonderlich relevant: 7,5 Millionen Einwohner hat die Stadt, groß produziert wird hier schon lange nicht mehr. Doch darum geht es nicht: Wer in der ehemaligen britischen Kronkolonie Geschäfte macht, der macht in Wahrheit Geschäfte mit China - der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Muss man nicht die Stimme erheben, wenn Hunderttausende auf die Straße gehen, um für ihre Freiheit zu kämpfen? Kann man Menschenrechte einfach so vom Geschäft trennen? Darf man Fahrgestelle für Wasserwerfer liefern, die Demonstranten von der Straße fegen? Oder ist man schon zu abhängig?

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Kanäle und Videos

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Nach Twitter und Facebook zieht nun auch die größte Videoplattform nach. Über 200 Kanäle und Videos seien gesperrt und gelöscht worden, die mutmaßlich aus China befüllt wurden.

Über viele Jahre glaubte man im Westen, in Politik wie Industrie, mit Deng Xiaopings Modernisierungskurs in den Achtziger- und Neunzigerjahren beschreite China einen unaufhaltsamen Weg: erst verordnete Industrialisierung, Sonderwirtschaftszonen und Investitionen aus dem Ausland. Dann steigender Wohlstand. Schließlich die Öffnung des politischen Systems. Wandel durch Handel war das Stichwort, und in den Universitäten war die Modernisierungstheorie des Sozialwissenschaftlers Seymour Martin Lipset en vogue: Wirtschaftliche Wohlfahrt generiert demokratische Werte und eine breite Mittelschicht, die wiederum Voraussetzung für eine starke Demokratie ist. Ein Konzept, das in den Vereinigten Staaten beinahe zur außenpolitischen Doktrin geworden ist. Als die Volksrepublik im Jahr 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beitrat, schien alles genau so zu laufen, wie es die Theoretiker vorhergesagt hatten. Doch alle irrten - und Hongkong ist dafür der finale Beweis.

"China ist ein spannender Fall: Es gab einen gewaltigen Wohlstandsprozess", sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. "Aber zugleich hat sich die Modernisierungshypothese nicht bestätigt, auch wenn das Sozialwissenschaftler verwundern mag." China zeige, dass es für Wohlstand und prosperierenden Handel nicht zwingend demokratische Strukturen brauche.

Volkswagen ist schon fast Chinesisch

Das wirkt sich heute auf die Unternehmen aus. Volkswagen zum Beispiel ist über die Jahre fast zu einem chinesischen Unternehmen geworden: Dazhong, wie der Konzern in der Volksrepublik heißt, verkauft vier von zehn Autos in China. Bei BMW und Daimler sind es jeweils gut ein Drittel des Umsatzes - vor allem die großen, teuren Limousinen werden von Chinesen bestellt. Auf den Automessen hört man von deutschen Managern deshalb oft: So viele Megacities, so viel Geschäftspotenzial! Der Chemiekonzern BASF wiederum investiert zehn Milliarden Dollar in ein neues Werk in Südchina. Eine Kopie des Stammwerks in Ludwigshafen soll in der Provinz Guangdong entstehen.

Die Abhängigkeiten sind gewaltig. Entsprechend zurückhaltend fallen die Wortmeldungen aus deutschen Chefetagen aus, die Manager vermeiden alles, was die Führung in Peking verärgern könnte. "Die deutsche Wirtschaft blickt besorgt auf die Entwicklung in der Sonderverwaltungszone", sagt etwa Siemens-Chef Joe Kaeser, der auch Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft ist. Er hoffe auf eine schnelle Lösung des Konflikts auch im Sinne der 600 deutschen Unternehmen in Hongkong. Rasch zurück zum Status quo - was soll Kaeser sonst auch sagen?