Private Hochschulen:Warum immer mehr junge Menschen für ihr Studium zahlen

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Private Hochschulen: Studierende schätzen die Nähe zum Arbeitsmarkt, wenn sie sich für eine private Hochschule entscheiden, und können zudem neben dem Job einen akademischen Abschluss machen.

Studierende schätzen die Nähe zum Arbeitsmarkt, wenn sie sich für eine private Hochschule entscheiden, und können zudem neben dem Job einen akademischen Abschluss machen.

(Foto: imago/Maskot)

Die Zahl der Studierenden an privaten Hochschulen nimmt stetig zu, trotz horrender Gebühren. Woran das liegt, welche Jobchancen Absolventen haben und wie groß der Einfluss von Unternehmen wirklich ist.

Von Julian Schmidt-Farrent

Vor ein paar Wochen hat Sophie Wild ihre Bachelorarbeit abgegeben. 56 Seiten über den Zusammenhang von Humor und Optimismus. Kostenpunkt: 300 Euro Prüfungsgebühr. Dass selbst die Abgabe ihrer Abschlussarbeit Geld kostet, das wusste Wild vorher nicht. Zahlen muss sie trotzdem - wie für alles in ihrem Wirtschaftspsychologie-Studium. Seit Jahren überweist die 25-Jährige monatlich Geld an ihre Hochschule. Wie immer mehr Studierende bezahlt Sophie Wild ihre Ausbildung aus der eigenen Tasche.

Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Studierenden an privaten Fachhochschulen mehr als verzehnfacht. Fast jeder zehnte Studierende in Deutschland lernt inzwischen an einer privaten Fachhochschule - und mit jedem Jahr wird der Anteil größer. Dabei waren private Abschlüsse noch vor wenigen Jahren verpönt. Anders als in den USA, wo nicht-staatliche Hochschulen die Eliten von morgen ausbilden, mussten die Einrichtungen hierzulande ihre Ausbildung regelrecht verteidigen.

"Damals hieß es bisweilen, die Privaten würden Abschlüsse zweiter Klasse vergeben", erinnert sich Peter Thuy, Vorsitzender des Bundes privater Hochschulen. Mit der Bologna-Reform zu Beginn des Jahrtausends änderte sich das. Der Prozess vereinheitlichte die Bildungssysteme in ganz Europa. Egal, ob junge Privat-Fachhochschule in Wuppertal oder traditionelle Elite-Universität in Paris: Überall machten Studierende fortan zumindest formal die gleichen Abschlüsse - zum Vorteil der privaten Lernstätten. Zuvor hatten die privaten Fachhochschulen Diplome vergeben, die extra mit dem Hinweis "FH" markiert werden mussten. Wie an den Unis wurden mit Bologna auch die Absolventen der Privaten Bachelor und Master ihres Fachs - zumindest bei den Abschlüssen waren die Unterschiede zwischen den Hochschulen passé.

Bundesweit gibt es mittlerweile 87 private Fachhochschulen

Quer durch die Republik hinweg gründeten sich private Fachhochschulen. Mittlerweile gibt es 87 in ganz Deutschland. Schließlich muss irgendwer die Nachfrage nach Studienabsolventen bedienen. "Es gab eine Akademisierung bei Ausbildungsberufen", erzählt der Bildungsökonom Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. So hätten sich zum Beispiel im Gesundheitswesen viele klassische Ausbildungswege in Studiengänge gewandelt - eine Nische, die die privaten Fachhochschulen nutzten. Ihr Vorteil: Sie treiben die Gelder direkt von ihren Studierenden ein. Dadurch können sie auch für wenige Studenten ganze Studiengänge aus dem Boden stampfen.

Und vor allem mit einem werben die Privaten: ihrer Nähe zum Arbeitsmarkt. Vor dem Studium hatte Sophie Wild erst einmal eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht. Wild wollte weiterarbeiten, auch während der Uni. "Ich habe vorrangig etwas gesucht, was mit dem Job funktioniert", erzählt sie. Da bot sich fast nur ein Studium an einer privaten Hochschule an.

An einer staatlichen Einrichtung hätte sie quer über die Woche verteilt Vorlesungen gehabt - bei der privaten Hochschule richtete sich dagegen alles nach ihrem Job. Drei Tage die Woche arbeiten, zwei Tage studieren. "Es war ein bisschen wie Schule", sagt Wild. Die Prüfungen wurden so gestaffelt, dass sie fokussiert neben der Arbeit lernen konnte. Um das schwierige Mathemodul nicht im ganzen Semester im Nacken zu haben, buchte sie kurzerhand einen Kompaktkurs dazu. 140 Euro Zusatzgebühr - aber zumindest konnte sie die Prüfung schneller hinter sich bringen.

"Wir sind kundenorientiert", sagt Peter Thuy vom Bund privater Hochschulen. Mit den Kunden meint er die Studierenden. Schließlich sind die privaten Fachhochschulen Wirtschaftsunternehmen, müssen Gewinn machen. Und der kommt vor allem aus einer Richtung: Berufstätige, die neben dem Job lernen wollen. Mehr als 40 Prozent der Studierenden, die in Teilzeit arbeiten, sind an privaten Hochschulen eingeschrieben. Deshalb wachsen vor allem die privaten Einrichtungen, an denen sich berufsbegleitend oder aus der Ferne lernen lässt.

Manche Studiengänge sind auf Unternehmen zugeschnitten

Auch große Dax-Konzerne haben die private Bildungswelt bereits für sich entdeckt. "In Hinblick auf die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft haben die privaten Hochschulen die Nase vorne", so die Deutsche Telekom. Der Konzern kooperiert im Rahmen des Dualen Studiums mit mehreren privaten Hochschulen, man schätzt die Praxiserfahrung, die die Studierenden dort sammeln. Die Privaten bieten inzwischen Studiengänge an, die eigens auf die Telekom zugeschnitten sind. So hat die Provadis Hochschule in Frankfurt einen eigenen Informatik-Bachelor für duale Studenten entwickelt, die bei der Telekom arbeiten. Die Kosten für das Studium trägt der Konzern. Die Provadis Hochschule wirbt bei Unternehmen sogar damit, dass kooperierende Arbeitgeber die Themen der Abschlussarbeiten selbst setzen können. Für die Unternehmen bedeuten solche Kooperationen also vor allem eines: Einfluss.

Für die Studierenden bedeutet es hingegen: Doppelbelastung. Arbeiten bis 19 Uhr, kurz ausruhen und um 23 Uhr mit dem Lernen beginnen. Während der Prüfungsphasen konnte es mit der Freizeit eng für Sophie Wild werden. "Bei allen Vorteilen, die es auch hat, es war schon auch anstrengend", erzählt die Studentin. Auch ihre Bachelorarbeit musste sie am Wochenende schreiben, unter der Woche zwang sie der 30-Stunden-Job ins Büro.

Aber zahlt es sich aus? Grundsätzlich genössen Abschlüsse von privaten Hochschulen bei Arbeitgebern trotzdem keinen besseren Ruf, meint Katharina Hain von der Personalberatung Hays. Zwar hält Hain die privaten Lernstätten für eine gute Ergänzung des Bildungssystems - allerdings schafften die ihre Nachfrage vielleicht auch teilweise selbst. "Alles, was einen Preis hat, wird mit einer höheren Qualität assoziiert."

Dabei scheint gar nicht ausgemacht, dass die Qualität an privaten Hochschulen so viel höher ist. Zwar werben die Privaten häufiger mit kleineren Lerngruppen, die eine bessere Betreuung zuließen. Das deckt sich allerdings nicht mit den Zahlen des Statistischen Bundesamts. Rein rechnerisch kamen im Wintersemester 2020 mehr als 50 Studierende auf eine Lehrperson - bei den staatlichen Fachhochschulen waren es lediglich 23 Studierende pro Dozent.

Und auch bei den Fächern haben die Privaten zum Teil Nachholbedarf. Gerade bei den Naturwissenschaften sei die traditionelle Uni noch immer im Vorteil, meint Bildungsökonom Axel Plünnecke. Der Grund: Studienplätze in den sogenannten Mint-Fächern seien schlichtweg teurer - und die öffentlichen Einrichtungen durch den Staat finanziell besser ausgestattet.

Nicht selten übernehmen Arbeitgeber die Kosten

Dabei fließt einiges Geld in die privaten Hochschulen. Und zwar von den Studierenden. Mindestens ein paar Hundert Euro müssen sie pro Monat für ihre Ausbildung zahlen. Droht das deutsche Bildungssystem nun, schleichend in US-amerikanische Verhältnisse zu rutschen? Nein, meint Plünnecke. Viele private Hochschulen in Deutschland seien schließlich berufsbegleitend, Arbeitgeber übernähmen nicht selten die Kosten für das Studium.

Peter Thuy vom Bund der Privaten Hochschulen lacht. Die Frage habe er schon erwartet - und kontert. Schließlich hätten die privaten Fachhochschulen mehr Nicht-Akademikerkinder als staatliche Hochschulen, nähmen auch mehr Menschen ohne Abitur an. Trotzdem: Nicht jeder könne sich das Studium leisten, gesteht er. Doch das sei nicht ausschließlich ein Problem seiner Hochschulen. "Es ist ja auch nicht so, dass sich jeder das Studium an einer staatlichen Hochschule erlauben kann."

Und doch: Teurer bleibt das Studium an einer privaten Hochschule allemal. Mehr als 12 000 Euro hat Sophie Wild insgesamt für ihre Ausbildung bezahlt. Und ist zufrieden. So zufrieden, dass sie sogar Freunden schon erfolgreich dazu geraten hat, auch an einer privaten Hochschule zu studieren. Im kommenden Wintersemester möchte Wild weitermachen. Ein Master in Human Resources Management, ebenfalls privat. Ihrem Arbeitgeber gefällt's - Wild bekommt ihr Studium zukünftig bezuschusst.

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